Tag 8 – Sonntag, 3. Februar
Gewicht 70,1 Kilogramm
Ernährung 1 Glas Bittersalz F.-X.-Mayr-Kurstufe 3:
1 Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt + 1 weiches Ei zum Frühstück, 1 Tasse Gemüsebrühe, 1 Dinkelbrötchen + Topinambur-Basensuppe + 50 g Forellenfilet zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot, Tee nach Belieben
Bewegung 1,5 Stunden spazieren gehen
Zeitung Kurier, Spiegel, Gala, Brigitte
6.45 uhr
Bitterwasser trinken laut Therapieplan
12.00 uhr
Uah, ein müder Sonntagvormittag kündigt sich an. Nach dem Aufwachen wandern die Gedanken sofort zu meinem Brief: Das weiße, prall gefüllte Kuvert liegt auf dem kleinen Tischchen in meinem Hotelzimmer. Es enthält jede Menge Weisheiten und Gedanken. Ob Justus sie auch verstehen wird?
Träge und müde drehe ich mich nach dem Glas Bitterwasser noch einmal zur Seite – keine Lust aufzustehen, keine Lust auf Bewegung und keine Lust auf Sonntag. Bestimmt sitzt Justus zu Hause am Esstisch, schlürft seinen Kaffee und liest die dicke Wochenendausgabe der Zeitung. Ich würde mich am liebsten verkriechen. Die einzig mögliche Alternative: frühstücken!
Und zum ersten Mal gönne ich mir ein weiches Ei, das zwar erlaubt ist, aber möglichst selten während der Kur verspeist werden sollte. Ich genieße es in vollen Zügen. Mit dem mini-kleinen Löffel lässt sich das Ei wirklich nur häppchenweise essen und das ist gut so – am Ende bin ich satt und schon ein wenig glücklicher.
Danach entscheide ich mich für eine Runde Kneippen. Mir gegenüber hat sich der Mann aus dem Lift niedergelassen. Er ist so sehr in seine Zeitung vertieft, dass er mich nicht einmal beachtet. Mir doch egal!
Ich bade meine Füße, drehe meine Runden in dem Becken und creme mir abschließend meine Beine mit einer Moorsalbe ein. Eine Wohltat für alle Sinne!
Gerade als ich mich von der gefliesten Bank erhebe, lässt Mister Unbekannt seine Zeitung sinken, lächelt mich an und schmunzelt: „Na, zum kalten Füßchen würde ja nun hervorragend ein Eisbein passen. Aber das ist ja wohl nicht drinnen.“ Erwartungsvoll blickt er mich an.
Meine Schlagfertigkeit lässt zu wünschen übrig, ich ziehe nur eine Augenbraue hoch und lache zurück: „Nee, das ist wohl nicht drinnen.“
Unsicher blicke ich mich um: Hat irgendjemand diesen doofen Dialog mitbekommen? Augenscheinlich nicht. Ich beschließe, mich am Absatz umzudrehen und schlendere langsam in Richtung Ruheraum. Den restlichen Vormittag verbringe ich lesend, gemütlich auf die Liege gekuschelt, und denke über Eisbein-Rezepte nach. Dann döse ich ein.
15.00 uhr
Die Sonne strahlt vom Tiroler Himmel. Nach dem Mittagessen mit köstlicher Topinambur-Basensuppe entschließe ich mich zu einem Nachmittagsspaziergang in Richtung Patsch. Ein wunderbarer Winterwanderweg führt in Richtung Süden: Erst geht’s durch den Ort und dann weiter über Wald- und Wiesenwege. Die Sonne erobert mein Herz und ich spüre, wie sich der Druck der letzten Tage löst. Ich bin frohen Mutes.
So wie mir das anscheinend so schwierige Unterfangen Fasten bisher gelungen ist, so wird mir auch das Unterfangen „Ehe-Rettung“ gelingen. Ich schöpfe Hoffnung. Niemals hätte ich gedacht, so stark zu sein. Niemals hätte ich gedacht, einen Urlaub alleine so sehr zu genießen. Vielleicht sollte ich mir nicht nur ein eigenes Zimmer einrichten, sondern auch einmal im Jahr alleine in den Urlaub fahren? Das wäre doch eine Option.
Tausende Gedanken kreisen mir durch den Kopf. Heute Vormittag hab ich in einer Frauenzeitschrift eine spannende Geschichte zum Thema Trennung gelesen. Da gab es zwei Fragen, die man sich als Frau stellen sollte, wenn man über eine Trennung nachdenkt. Die eine Frage war: „Was brauche ich, um bei meinem Mann bleiben zu können?“, die zweite Frage war: „Was brauche ich, um mich von meinem Mann trennen zu können?“
Während meines Spazierganges grüble ich über diese beiden Fragen nach und mir wird klar, dass ich erst mit mir im Reinen sein muss, um mir Gedanken über meine Ehe machen zu können. Der Brief war ein erster großer Schritt, die Idee, ein Tagebuch zu führen, ist ein weiterer und ein eigenes Zimmer ein echter Meilenstein. Ich will alleine in den Urlaub fahren, mich mehr meinen eigenen Bedürfnissen widmen.
Ich merke, der Fastenprozess setzt eine nicht zu stoppende Spirale in Gang: All diese Dinge, die ich mir vornehme, haben vorrangig mit mir und meiner Person zu tun. Bislang dachte ich, dass Justus mich an meinen Plänen und Vorhaben hindert, während meines Spazierganges fällt mir auf, dass ich mich bisher selber behindert habe. Nicht die Kinder, nicht Justus, nein – ich alleine stand mir bislang im Weg.
Ich brauche mich nicht zu trennen, wenn ich in den Urlaub fahren will – ich kann es auch alleine tun. Ich brauche mich auch nicht zu trennen, um abzunehmen – auch das kann ich tun. Ich muss nur lernen, mich und meine Bedürfnisse von jenen Justus’ und der Kinder abzugrenzen. Ihre Wünsche und Bedürfnisse sind in Ordnung, aber es sind nicht meine. Vielleicht ist das Thema Abgrenzung die wichtigste Erkenntnis dieses Aufenthalts.
Die gähnende Langeweile und Leere des Vormittags ist einem unglaublich produktiven Nachmittag gewichen. Zurück im Hotel setze ich mich in mein Zimmer und mache mir zwei Listen. Auf dem einen Blatt Papier steht: „Was ich brauche, um bei Justus bleiben zu können“, auf das andere Blatt schreibe ich: „Was ich brauche, um mich trennen zu können.“
Was ich brauche, um bei Justus bleiben zu können:
– Freiräume und Zeiträume ganz für mich alleine – Ein eigenes Zimmer – Gemeinsame qualitative Beziehungszeit mit Justus – Familienzeit mit Justus und den Kindern – Regelmäßige Theater- und Kinobesuche – Den Mut, Nein sagen zu können
Was ich brauche, um mich von Justus trennen zu können:
– Mut, alleine zu sein – Eine eigene Wohnung – Freiräume und Zeiträume für mich selber – Selbstvertrauen – Respekt und die Akzeptanz meiner eigenen Bedürfnisse
Am Ende die große Erkenntnis: Die Listen auf beiden Blättern sind sich ähnlicher, als ich das gedacht hätte. Kann ich tatsächlich meine Ehe retten, indem ich einfach all die Dinge tue, nach denen ich mich sehne? Indem ich lerne, Nein zu sagen und im Gegensatz dazu die Erfüllung meiner Bedürfnisse einfordere?
20.00 uhr
Sogar noch während des Abendessens wollen meine Gedanken nicht stillstehen. Ich merke kaum, dass Mister Eisbein nickend und grüßend an meinem Tisch vorbeikommt. Stück für Stück stecke ich mir mein Dinkelknäckebrot in den Mund, kaue langsam, genieße, schlucke. Kauen, schlucken, trinken. Kauen, schlucken, trinken. Die Monotonie fühlt sich unglaublich gut an: Sie gibt mir Halt in einem Strudel an Gedanken und Überlegungen. Ist das Meditation?
Nach dem Abendessen husche ich in die Sauna und gönne mir eine halbe Stunde Bestrahlung in der Infrarot- Kabine. Der Prozess der Entschlackung und Entgiftung wird noch einmal kräftig angekurbelt, meine Verdauungsorgane setzen sich in Gang, mein Körper schwitzt wie noch nie zuvor. Beim Hinausgehen husche ich an dem azurblauen Pool vorbei, seine schimmernde Oberfläche verleitet mich dazu, in das warme Wasser zu gleiten. Doch ich bin erschöpft und sehne mich nach Ruhe.
21.00 uhr
Erschöpft falle ich ins Bett. Von Justus habe ich nichts gehört. Auch keine SMS. Nicht weiter schlimm, ich muss im wahrsten Sinne des Wortes erst verdauen, was heute in meinem Inneren – ganz bei mir – passiert ist. Ab morgen starte ich in die zweite Runde Fasten.
Die erste Woche ist vorüber und ich bin schon lange nicht mehr die, die ich bei meiner Ankunft hier war.
Mein Highlight des Tages
Der Blick in Richtung Italien und das Gefühl, alles zu können.
Meine Fastenerkenntnis
Ich muss mich und meine Bedürfnisse von den Bedürfnissen anderer abgrenzen. Nur so kann ich ein erfülltes und glückliches Leben führen.
Mein Ziel für zu Hause
Einmal im Jahr alleine in den Urlaub fahren.


