Tag 2 – Montag, 28. Januar

Gewicht 72,3 Kilogramm, davon 21 Kilogramm Fett
Ernährung 1 Glas Bittersalz F.-X.-Mayr-Kurstufe 1:
1 Dinkelbrötchen + 200 ml Milch zum Frühstück, 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Milch zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot,Tee nach Belieben
Bewegung 1 Stunde Spaziergang am Igler Plateau, 1 Stunde Pilates

5.45 uhr

Eine unruhige Nacht liegt hinter mir, die Aufregung vor dem ersten Fastentag raubte mir die Nachtruhe. Ich weiß nicht, was nun mit mir und meinem Körper passieren wird. Will ich tatsächlich abnehmen? Haben die überflüssigen Pfunde auf meinen Hüften und an meinen Oberschenkeln nicht ihre Bedeutung, ja, sogar ihre Berechtigung?

Das Wochenprogramm gibt vor, dass ich um 6.45 Uhr mein Glas Bittersalz trinken soll. Doch es ist erst 5.45 Uhr, vor dem Fenster ist es stockdunkel. Ich kann kein Auge mehr zumachen. Benommen tapse ich ins Bad. Ah, da steht es ja, das Glas mit dem hübschen Deckel aus Pappe mit der Aufschrift „bitter.“. Ich fülle das Glas mit Wasser auf und leere es in kleinen Schlucken. Der Viertelliter trinkt sich leichter als gedacht. Schmeckt zwar nicht wie Champagner, aber wer weiß, wie übel der auf nüchternen Magen wirken würde. Der Geschmack ist erträglich. Mal sehen, wie sich die Wirkung anlässt.

7.00 uhr

Im Schutz meines warmen Bettes kreisen die Gedanken um meinen Körper. Eigentlich sollte ich mich nicht mehr hinlegen, aber noch ist mir nicht zum Aufstehen zumute. Ich lege die Hände auf meinen gewölbten Bauch, ertaste die kleinen Ringe an meinen Hüften.

Wie nannte Justus diese Speckröllchen im letzten Urlaub: „Love Handles“. Nach unserer Rückkehr musste ich erst in Simons Schullexikon nachschlagen, was damit gemeint war: „Rettungsringe“ stand da. Ich war erleichtert und auch wieder nicht – im ersten Moment hatte ich gedacht, dass man „Love Handles“ beim Sex benützen würde, um sich besser festhalten zu können. Wobei? Beim Schaukeln? Unwirsch drehe ich mich zur Seite – Sex am Morgen oder auch nur der Gedanke daran waren noch nie mein Ding. Doch ich bin ja alleine – also keine Gefahr in Verzug.

Ich widme mich wieder meiner Ursachenforschung: Ist meine Fettschicht ein Schutzschild vor der Außenwelt? Kann ich mich nicht bestens dahinter verstecken? Ist Essen nicht an vielen Tagen die einzig schöne Unterbrechung meines sonst so leeren Alltags?

Die Gedankenmaschinerie setzt sich in Gang: Ja, immer wenn ich frisch verliebt war, hatte ich eine Traumfigur. Als ich Justus kennen lernte, konnte ich tagelang nichts essen. Wir lebten von Luft und Liebe und strahlten das auch aus. Wir waren jung und aktiv. Denke ich an diese wunderbare Zeit zurück, sehe ich uns lachend Hand in Hand über blühende Wiesen wandern oder im Zug nach Italien sitzen, voll Vorfreude auf unseren ersten Cappuccino am Markusplatz in Venedig. Dieses Lachen, diese Unbeschwertheit scheinen ewig her zu sein. Dabei liegen zwischen dem Damals und dem Jetzt nicht einmal zwanzig Jahre.

Ich aber liege im Bett – am frühen Morgen, alleine, mollig, warm, beleibt. Bin ich überhaupt bereit, das alles aufzugeben? Bin ich stark genug, auch wenn ich fünf Kilo weniger wiege? Wovor schütze ich mich? Und warum gibt es nichts Schönes in meinem Leben außer essen?

Im gestrigen Vortrag habe ich erfahren, dass Essen ein wahres Serotonin-Feuerwerk im Körper verursacht. Tausende von Glückshormonen werden ausgeschüttet – dem Körper geht es gut. Mein täglicher Angriff auf Süßigkeiten – auch nur die tiefe Sehnsucht, glücklich zu sein? Mit dem Serotonin-Feuerwerk ist es im Übrigen vorbei, sobald ein Völlegefühl auftritt.

Der kluge österreichische Arzt aus der Steiermark, Franz Xaver Mayr, stellte schon vor über sechzig Jahren die These auf, dass man nie bis zum Eintreten des Völlegefühls weiteressen sollte. Er schwor darauf, leicht hungrig vom Tisch aufzustehen. Der Körper – so Dr. Kogelnig gestern Abend – braucht täglich eine zwölfstündige Fastenpause. Wer sich also um 8 Uhr abends noch ein Paar

Wiener Würstchen und einen Erdbeer-Sahne-Joghurt einverleibt und, weil’s so schön ist, den Schokoriegel zum Tatort mit aufs Sofa nimmt (und nicht nur nimmt, sondern auch isst), der hat diese Fastenpause schon versemmelt.

Apropos Semmel: Heute Morgen werde ich also meine erste Dinkelsemmel zu mir nehmen und dazu – nach dreißigmaligem Kauen – ein Löffelchen frischer Tiroler Alpenmilch sippeln. Jahrelang versuchte ich meinen Kindern abzugewöhnen, die Suppe zu schlürfen, nun würde ich also in einem Restaurant sitzen, die weiße Stoffserviette auf dem Schoß und Milch sippeln.

Während ich noch halb beängstigt, halb belustigt dem ersten Fastentag entgegenschaue, dringen aus meinem Bauch heftige Geräusche durch die Bettdecke: Das Bitterwasser tut seine Wirkung. Also nichts wie auf die Toilette.

8.00 uhr

Ich bringe es nicht übers Herz, mein Zimmer mit Hotelschlappen und Bademantel zu verlassen. Also hab ich mich nach dem Toilettengang und einer ausgiebigen Dusche vollständig angekleidet.

So sitze ich nun mit Rock, Strumpfhose, Pullover und Straßenschuhen im medizinischen Bereich im Erdgeschoss und warte auf meine Erstuntersuchung. Ein bisschen nervös – was, wenn das Bittersalz gleich wieder meinen Darm in Bewegung versetzt? Ein bisschen auffällig – ich bin die Einzige, die keinen Hotelbademantel trägt. Ich studiere noch einmal meinen Therapieplan: BARTH wird eine EU durchführen.

Was mich da wohl erwartet? Alle anderen Gäste scheinen bereits sehr viel routinierter zu sein als ich. Nur eine Frau, die gestern Abend auch am Hotelrundgang teilgenommen hat, steht ebenso verloren im Gang und hat sich in ihren Therapieplan vertieft. Allerdings bereits in der Einheitsuniform des Hotelbademantels.

Ich beginne langsam zu schwitzen: Der Rollkragenpullover war wohl doch ein bisschen übertrieben. Ich überlege, ob ich noch einmal kurz in mein Zimmer gehen könnte, um mich umzuziehen, und schiele auf die Uhr, die der Mann neben mir am Armgelenk trägt. Da öffnet sich eine Tür und ein gut aussehender Mann schaut fragend in die Runde: „Frau Heldenstein?“

„Ja, ich bin das“, antworte ich zögernd und springe aus dem Stuhl hoch. Ein bisschen übertrieben vielleicht, aber das freundliche „Guten Morgen“ von Dr. Barth holt mich wieder auf den Marmorboden zurück.

Die Untersuchung dauert nicht lange, ist weder schmerzvoll noch unangenehm: Dr. Barth begutachtet meine Augen, die Zunge, die Form des Bauches und misst meinen Blutdruck. „120 zu 80“, verkündet er und ergänzt: „Wie im Bilderbuch.“

Na, wenn das kein guter Anfang ist? Das dicke Ende kommt gleich hinterher, obwohl ich mit zahlreichen Ausflüchten – „Oh, die Nordkette im Sonnenlicht“, „Oh, Sie stammen aus Salzburg, wunderschöne Stadt“, „Ach, Sie haben zwei Söhne?“ – versucht habe, den Weg auf die Waage zu umgehen, komme ich nicht drum rum. Und sie zeigt sich gnadenlos: 72,3 Kilogramm.

Meine Güte – so viele Elche waren das doch gar nicht! Dr. Barth versucht mich zu beruhigen, indem er darauf hinweist, dass unsere Welt viel zu sehr auf Äußerlichkeiten fixiert ist. Ich lächle ihn müde an: bei 72,3 Kilogramm kann ich nur noch auf Äußerlichkeiten fixiert sein.

Und dementsprechend sehen auch meine Diätpläne aus: zwei Tage klassische F.-X.-Mayr-Diät Kurstufe 1, danach drei Tage Kurstufe 2, weitere drei Tage Kurstufe 3 und bis zum Ende des Aufenthalts dann Ergänzung durch Trennkostdiät.
225 bis 500 Kalorien werde ich die ersten Tage zu mir nehmen. Das entspricht ungefähr der Anzahl an Kalorien, die ich üblicherweise während eines normalen Frühstücks konsumiere. Dazu gibt es dreimal täglich Legalman-Tropfen zur Entgiftung sowie Basenpulver und Basen-Infusionen.

Mit wackeligen Knien und schweißnassen Händen verabschiede ich mich von Dr. Barth: Er hat’s ja gut gemeint. Wirkung verfehlt!

Mir wird schwummrig vor den Augen. Doch es bleibt mir nicht viel Zeit, an der medizinischen Rezeption erhalte ich von Maria einen neuen Therapieplan mit allen besprochenen Details. Und nun haben wir es schwarz auf weiß: Bewegung, Sport, Massagen und Anwendungen werden meine Tage hier in Igls füllen.

Als Nächstes erwartet mich bereits Silvia zur TM, eine von den acht Masseuren und Masseurinnen, die Hotelgäste mit entgiftenden und ausleitenden Massagen während ihres Aufenthalts verwöhnen. Silvia ist eine resche Person und sie hat sich anscheinend fest vorgenommen, mich im Rahmen dieser ersten Teilmassage so richtig zu quälen. Dabei scheint sie ganz offensichtlich auch ganz genau zu wissen, wo es bei mir hapert.

Sie verpasst mir eine Abreibung, die sich gewaschen hat. Auf dem Bauch liegend, das Gesicht in ein kleines Kissen gesteckt, bin ich einer Gegenwehr nicht fähig. Ich lasse sie rubbeln und beiße die Zähne zusammen.

„Halten das denn eigentlich alle aus?“, frage ich sie zähneknirschend, während sie meine Rückseite mit einem Sisal-Handschuh bearbeitet.
„Natürlich“, antwortet Silvia lachend. „Wir müssen doch die Durchblutung anregen. Mann, Sie sind ja kalt wie ein Kühlschrank.“
„Ist meine Haut denn nicht so rot, wie sie sich anfühlt“, flüstere ich weiter. Meine Waden werden geschrubbt wie Großmutters alter Holzdielenboden.
„Keine Spur von rot“, erklärt mir Silvia. „In Ihren Beinen ist echt tote Hose.“
Ich schlucke. Woher weiß Silvia von der toten Hose in meinen Beinen. Dass ich schon lange keine Lust mehr auf Sex habe, liegt doch nicht an meinen eiskalten Füßen. Männer sind doch dazu da, ihren Frauen die eiskalten Füße zu wärmen. Oder etwa nicht?

Justus und mein Sexleben sind irgendwann zwischen der 78. und 131. Folge von Tatort eingeschlafen. Hat er Lust, fühle ich mich gestresst. Beginne ich an seinem Körper zu knabbern und hinterm Ohr zu küssen, wendet er sich meist stöhnend ab und erklärt mir, dass er diesen einen Bericht unbedingt heute Abend noch fertiglesen muss. Später, später könnten wir dann drüber reden. Später habe ich meistens noch ein Stück Schokolade eingeworfen und träume von meiner Wunschfigur.

„Ach Justus, wann geht’s bei uns eigentlich mal wieder so richtig ab“, murmle ich ins Kissen.
„Na, vielleicht schon bald“, reißt mich Silvia aus meinenTräumereien. „Für heute sind wir aber erstmal fertig.“
Langsam ziehe ich mich wieder vollständig an und ignoriere einfach das verschmitzte Grinsen von Silvia. Kann ja sein, dass ich ein bisschen verklemmt bin. So bin ich nun mal.

Wieder zurück im hellen Foyer der medizinischen Abteilung, die sich inzwischen mit noch mehr Bademänteln und weißen Schlappen tragenden Hotelgästen gefüllt hat, komme ich mir immer blöder vor. Ich sehe aus wie die Hausdame: die trägt auch Kleidung und Straßenschuhe. Gleich fragt mich ein Hotelgast, wo hier die Toilette ist. Also nichts wie weg hier.

Mein Therapieplan gibt vor, dass ich mich nun ins Labor zur Untersuchung begeben soll. Die sympathische Brigitte erwartet mich: Ich soll mich entkleiden. Na, ganz was Neues! Zum dritten Mal innerhalb von einer Stunde schäle ich mich aus Strumpfhose, Rock und Pullover.

Dann werde ich verkabelt: Brigitte knipst mir am rechten Fuß und an der rechten Hand vier Elektroden an und hat in Sekundenschnelle ein lupenreines Ergebnis auf dem Bildschirm.

Und ich erhalte die nächste Abreibung: von den 72,3 Kilogramm meines Körpergewichtes sind 21 Kilogramm Fett. Der BMI – der Body-Mass-Index – liegt an der oberen Grenze, meine Wassereinlagerungen haben die Normwerte längst überschritten.

Mir wird schwindelig, ich halte mich mit beiden Händen an der Theke fest. Brigitte lächelt mich an: „Alles halb so schlimm. Das wird schon wieder. Die Welt ist viel zu sehr auf Äußerlichkeiten fixiert“, meint sie und nickt mir dabei freundlich zu. „Ich danke Ihnen für Ihr Mitgefühl“, hauche ich erschöpft und habe das merkwürdige Gefühl, diesen Satz heute schon einmal gehört zu haben.
Jetzt würde ich zuallererst einen Drink brauchen.

9.30 uhr

Serviert bekomme ich von der netten Jasmine im ebenso netten Dirndlkleid eine zwei Tage alte Dinkel-Semmel und ein Kännchen lauwarmer Milch. Beinahe kommen mir die Tränen. Der Brei in meinem Mund wird immer mehr. Er nimmt einen Umfang an, dass ich ihn kaum noch im Mund behalten kann. Was, wenn ich ihn einfach ausspucke und mein Frühstück sich in einer Flut von lauwarmer Milch mit Dinkelbröckchen über das rosafarbene Tischtuch ergießt?

Nichts dergleichen passiert. Ich kaue tapfer weiter – zum Glück befindet sich niemand im Speisesaal. In mir steigt ein kleines bisschen Wut auf: Bin ich eigentlich verrückt, mir das hier alles anzutun? Und dann auch noch freiwillig? Wer kann mir vorschreiben, dass ich jeden Bissen dreißig Mal kauen soll? Der alte Mayr ist doch schon längst hinüber. Seine Semmeln und sein Milch-Gesippel haben ihn auch nicht davor gerettet, über den Jordan zu gehen. Löffelchenweise soll ich die Milch zu mir nehmen. Paaah! In einer arg revolutionären Haltung trinke ich frech aus der Tasse anstatt zu löffeln.

In der halben Stunde, die fürs Essen vorgesehen ist, schaffe ich knapp ein halbes Brötchen und eine halbe Tasse Milch. Mir ist der Appetit vergangen. Müsste ich jeden Tag so essen, wäre ich gertenschlank. So macht Essen keinen Spaß. Wo bleibt die Sinnlichkeit? Wo der Genuss? Schon beginne ich mich selbst zu bemitleiden. Und wo bitte schön bleibt das Serotonin-Feuerwerk?

Wer hätte gedacht, dass mich Fasten so wütend macht? Reagiere ich so, wenn ich nicht bekomme, was ich will? Anstatt mich auf das Abenteuer einzulassen, beginne ich in eine Trotzhaltung zu verfallen.

11.30 uhr

Missmutig schlurfe ich aus dem Speisesaal. Heute stehen keine Termine mehr an. Ich überlege kurz, ob ich Justus anrufen soll. Ihn fragen, wie es ihm geht.Was er gestern zu Abend gegessen hat. Doch mein Handy am Zimmer zeigt deutlich, dass bisher noch keiner nach mir verlangt hat, keiner scheint mich zu brauchen oder gar zu vermissen.

Es ist halb elf Uhr morgens und die Sonne scheint vom Himmel. Ich entscheide mich für einen ausgiebigen Spaziergang, ziehe mir meinen dicken Mantel über und verlasse das Hotel in Richtung Lanser See. Das Igler Plateau entpuppt sich als wunderbares Naturparadies mit gigantischem Blick in die Berge. Während ich durch das Viller Moor marschiere, hebt sich auch meine Stimmung wieder:

Ich fühle mich glücklich und entscheide, weiter bis zum Lanser See zu wandern und erreiche sogar den Seerosenweiher. Eine dicke Eisschicht hat das Schilf unbeweglich gemacht. Die Januarsonne zaubert einen mystischen Schimmer auf die Oberfläche. Alles ist ruhig. Ich spüre meinen Atem und kann endlich wieder lächeln.

Auf dem Rückweg ziept meine Wade verdächtig: Leide ich etwa schon nach einem halben Tag an Magnesiummangel? Ein bisschen schwummrig ist mir im Kopf. Der Wind? Der Hunger? Mein Körper scheint mehr zu wissen als ich. Ein älterer Mann mit Hut und Gamsbart bleibt stehen, grüßt mich und weist mich darauf hin, dass ich einen wirklich unpraktischen Mantel trage. Ich nicke und sehe zu, dass ich zurück ins Hotel komme. Die ersten fastenbedingten Wahnvorstellungen scheinen sich einzustellen.

14.00 uhr

Ich bin definitiv noch keine routinierte Fastenfrau. Während alle anderen Gäste im Einklang von Anwendung zu Anwendung schweben, scheine ich aus dem Rhythmus. Um mehr als eine Stunde verspätet tauche ich im Restaurant auf.

Aber in der Küche macht das keine Probleme: Mein Dinkelbrötchen liegt für mich bereit. Hm, diesmal bleibt die Wut aus. Ich kaue und versuche zu genießen oder wie F. X. Mayr es beschreibt: den Eigengeschmack der Lebensmittel zu erschmecken. Anstatt des halben esse ich das ganze Brötchen auf und löffle Tiroler Joghurt dazu. Der Ergebnis ist besser: kein Würgereiz, kein Trotz.

Randsatt erhebe ich mich, wohl wissend, dass F. X. Mayr vorschreibt, man solle beim ersten Sättigungsgefühl mit dem Essen aufhören. „Mein lieber Mayr. Die Vorstellung, nun siebzehn Stunden fast nichts zu essen, macht mir ungeheuer Angst. Ich hoffe, Sie verstehen.“

15.00 uhr

Heute Nachmittag nehme ich am Pilates-Kurs teil. Auf den Spuren meiner schlanken Tochter Aenne sozusagen. Hochmotiviert steige ich in den Lift in Richtung Keller. Hanni hat bereits die Matten im Gymnastikraum ausgelegt.

Wir sind zu dritt, ich bin mit Abstand die Jüngste, aber nicht unbedingt die Sportlichste oder gar Schlankste. Macht aber nix, den Schneidersitz krieg ich hin. Doch dann geht’s los – furchtbar komplizierte Namen haben die Übungen: einen Table Top machen wir, einen Cat Stretch, einen Leg Curl und einen Hundred. Das sind einhundert kleine Sit-ups. Klar, warum bin ich nicht früher draufgekommen, einfach mal so zwischendurch hundert kleine Sit-ups zu machen? Verzweifelt blicke ich um mich: Den anderen scheint’s nicht besser zu gehen. Dann erklärt uns Hanni noch die richtige Atemtechnik.

Beim Einatmen soll ich den Brustkorb zur Seite ausdehnen, beim Ausatmen den Beckenbodenmuskel anspannen, den Nabel in Richtung Wirbelsäule fallen lassen und dann den Reißverschluss von unten nach oben zuziehen, als ob ich in einem Korsett stecken würde.

Ich atme, dehne und schwitze vor mich hin. Die Dame neben mir auf der Matte jammert immerzu über ihre Steifheit.Wenn sie den Mund halten würde, ginge es bestimmt leichter, denke ich schon wieder arg trotzig. Aber ich atme zur Seite und ziehe den Reißverschluss hoch. Atme zur Seite, ziehe den Reißverschluss zu. Atme zur Seite, ziehe den Reißverschluss zu. Na bitte, geht doch.

Kein Wunder, dass meine Tochter so gelenkig ist und dabei auch noch so gut aussieht. Dieser Pilates wusste schon, was er tat: Ein bisschen Yoga hier, ein bisschen Atmen da und schon hat man den Traumkörper perfekt. Und schon geht der Reißverschluss zu, auch an den Jeans!

18.30 uhr

Die Zeit bis zum Abendessen verbringe ich im Bett, glücklich über die Bewegung heute Nachmittag. Glücklich, immer noch nicht vor Hunger umgekommen zu sein. Glücklich hier zu sein.

Justus hat mir eine SMS zurückgeschrieben: „Vermisse dich auch. Kuss, J.“
Ich freu mich ein bisschen drüber. Vielleicht war der Abschiedsschmerz doch größer? Vielleicht hab ich in meiner fürsorglichen Art einfach mal wieder übertrieben?

Ich gönne mir zwei Stündchen Zeit für einen Leberwickel und blättere in den Hotelunterlagen. So ein Montagnachmittag lässt sich aushalten.

Vor dem Abendessen kommt noch mein großer Moment. Ich habe eine Jeans eingepackt, die ich seit mehr als fünfzehn Jahren nicht mehr tragen kann. Sie stammt aus meiner „Lisa-Zeit“. Während meines Studiums hatten mich alle Lisa genannt, Elli kam erst, als ich verheiratet war, Mutter und irgendwie spießig wurde. Elli war eindeutig spießig. Bedächtig hole ich das alte Ding aus meinem Koffer. „Mal sehen“, denke ich. „Wie weit der Reißverschluss wohl zugeht?“ Bedächtig steige ich in die Jeans, ziehe sie erwartungsfroh über die Knie. Und das war’s dann auch: Rund zehn Zentimeter über den Knien ist Schluss. Verzweifelt betrachte ich mich in dem großen Spiegel.

Ich habe mich eindeutig selbst überschätzt. Missmutig steige ich wieder aus den Jeans und knülle sie zusammen, um sie im hintersten Eck des beleuchteten Schranks zu verstecken.

Das Abendessen besteht aus zwei kleinen harten Knäckebrotscheiben und einem Kännchen Tee mit etwas Orangensaft. Ich bemerke, das Fasten tut mir gut. Ich hab keinerlei Beschwerden, hatte den ganzen Tag keinen Hunger und meine Laune hat sich gebessert. Obwohl ich das Gefühl habe, in einen „geschützten“ Bereich eingekehrt zu sein. Die Atmosphäre hier im Hotel ist unglaublich entspannt: Die nette Hoteldirektorin huscht durch die Gänge und Hallen, plaudert hier, erklärt dort. Diese gute Laune überträgt sich scheinbar auf alle Mitarbeiter. Bisher bin ich noch niemandem begegnet, den ich nicht sympathisch gefunden hätte.

„Heute könnte ich Ihnen Eisenkrauttee zum Abendessen anbieten“, reißt mich die Kellnerin aus meinen Gedanken. Doch sie fragt nicht mich, sondern meinen Tischnachbarn, der mit seiner Ehefrau Platz genommen hat und mir nun freundlich grüßend zunickt.
„Eisenkraut?“, fragt er nach. „Ja, Eisenkraut ist gut. Schmeckt eh alles gleich.“ Schmunzelnd nippe ich an meiner Tasse. Nachdem ich zwanzig Minuten an meinem Abendessen geknabbert habe, schiebe ich den Teller von mir weg.
„Na, haben Sie Ihr opulentes Mahl beendet?“, will mein Tischnachbar von mir wissen. Seine Frau strahlt mich an.
„Ja, unglaublich. Zu Hause hätte ich diese Portion wohl nebenbei und ohne es zu merken, gegessen“, lache ich zurück.
Ich erfahre, dass das Ehepaar bereits zum sechsten Mal nach Igls kommt, immer im Winter für zwei Wochen. Worauf der liebenswürdige Mann darauf besteht, dass er das eigentlich nicht nötig hätte. „Aber die Frauen“, nickt er mit einem Augenzwinkern. „Die müssen von Natur aus mehr entgiften.“

21.30 uhr

Licht aus! Gute Nacht, F. X. Mayr! Gute Nacht, Justus!

Mein Highlight des Tages
Keinen Hunger zu verspüren.

Meine Fastenerkenntnis
Mein Körper braucht weniger als gedacht.

Mein Ziel für zu Hause
Wöchentlich einen Fastentag einzulegen. Das kann doch nicht so schwer sein. Oder?