Tag 6 – Freitag, 1. Februar

Gewicht 71,2 Kilogramm
Ernährung 1 Glas Bittersalz F.-X.-Mayr-Kurstufe 2:
1 halbes Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt + 30 g Gartenkräuteraufstrich zum Frühstück, 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt + 30 g Forellenfilet zu Mittag,
1 Tasse Gemüsebrühe, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot, Tee nach Belieben
Bewegung 30 Minuten Morgengymnastik, 1⁄2 Stunde Wirbelsäulentraining, 1⁄2 Stunde Stretching, 1 km auf dem Laufband mit MBT-Schuhen, 12 Minuten Rad-Intervalltraining, 5 Längen Schwimmen, 1 Stunde Feldenkrais (ich werde zum Bewegungstalent!)
Zeitung Der Standard, Spiegel

6.45 uhr

Bitterwasser trinken laut Therapieplan
Heute Morgen stelle ich fest: Die Zeit verfliegt im Nu. Schon den fünften Tag bin ich nun im Parkhotel und immer wieder gibt es Neues zu entdecken. Kein Wunder, dass die Gäste jedes Jahr wieder kommen.

Das Hotel ist ein ideales Refugium, um sich auf die wesentlichen Werte im Leben zu besinnen. Und es bietet mit seinem wunderbaren Wohlfühl-Ambiente den absolut richtigen Rahmen dafür: ein klein wenig Klinik-Feeling, extreme Freundlichkeit, höchster Service und die hervorragende Küche sind wohl das wahre Geheimnis des Parkhotels. Wer das Spiel des „Sehen und Gesehen-Werdens“ spielen möchte, der wird sich hier nicht wohlfühlen. Der hat einfach keine Chance zu zeigen, was er hat oder besitzt. Denn es wird niemand anderen interessieren. Nicht, weil man mit sich selbst beschäftigt ist, sondern weil Stil Gelassenheit impliziert.

Trotzdem – ich wäre ja nicht Elli Heldenstein – gäbe ich mich nicht auch gerne ein bisschen dem Selbstmitleid hin. Da sitzen Damen im weißen Parkhotel-Einheitsoutfit Bademantel und sehen wie Göttinnen aus – allein ihre Haltung, ihre Frisur, ihr Schmuck. Bestimmt wohnen sie in rosenumrankten Schlössern, reiten täglich ihre Ländereien ab und lesen hochintellektuelle Bücher vor dem lodernden Kaminfeuer. Rosamunde Pilcher lässt grüßen.

Sie tragen bekannte Namen, die sich andere Menschen wissend gegenseitig ins Ohr flüstern. Im Sommer fahren sie zum Sonnenbaden nach Marbella, im Winter geht’s nach St. Moritz und danach ins Parkhotel. Dann erholt man sich von all dem Luxus und kehrt wieder bei sich selber ein. Entschlackt, reinigt und besinnt sich auf das wirklich Wesentliche im Leben: die eigene Gesundheit.

Diese Menschen (und auch ich) haben es grundsätzlich viel einfacher im Leben als so manch andere. Wer jeden Tag im Akkord am Fließband arbeitet oder Schichtdienste schiebt, daneben zwei Kinder großzieht, weil es der Mann vorgezogen hat, bei der jungen Nachbarin einzuziehen, verschwendet wohl kaum einen Gedanken an seine Gesundheit – da geht es vor allem darum, dass das System funktioniert. Morgens aufstehen, Kinder fertig machen. Arbeiten, Kochen, Arbeiten, Kochen. Hausaufgaben machen, Haushalt. Das Geld reicht vorne und hinten nicht und warum zu den Bio-Tomaten greifen, wenn die aus Spanien nur die Hälfte kosten. Das Leben ist ungerecht. Da erzähle ich nix Neues.

Und der Gedanke daran, dass ich ja selber hier wohne, den ganzen Luxus am eigenen Leib genießen kann, meinen Darm verwöhne und ihn mollig warm einpacke, bevor ich mich am Nachmittag ein Stündchen zum Rasten ins wohlige Bett lege, tröstet mich darüber hinweg, dass ich keine Ländereien, kein dickes Auto und keine Yacht vor Monaco besitze.

Aenne erzählte mir von Buddha (nach dem hat sie unseren Kater benannt): Der war der Sohn eines reichen Herrschers. Doch Buddha war damit nicht zufrieden und außerdem hieß er auch noch nicht so. Eines Tages verließ er den Palast, lernte Yoga und Meditation und verbrachte von nun an sein Leben mit der Suche nach einem tieferen Sinn. Eines Nachts erlangte er in tiefster Versenkung die Erleuchtung: Begierde, Hass und Unwissenheit fielen von ihm ab. Er wurde zu Buddha, dem „Erwachten“. Ich komme zu zwei Erkenntnissen: Ich habe eine kluge Tochter, die mehr weiß, als ich gedacht habe. Und wir alle, die wir hier unter dem Dach des Parkhotels verweilen, gehören einer durch und durch privilegierten, kleinen
Schicht an.

Ich überlege kurz, ob ich vielleicht auch über Nacht die Erleuchtung erlangt habe, denn mein Kopf ist klar und mein Geist fliegt nur so dahin. Vielleicht habe ich die spirituelle Seite des Fastens bisher auch einfach unterschätzt und mich zu sehr auf meine niedrigen, körperlichen Bedürfnisse konzentriert. Der Aufenthalt wird mit jedem Tag spannender und intensiver.

Auch die Einnahme des Bittersalzes verändert sich – war es an den ersten drei Tagen so, dass ich sofort nach maximal 30 Minuten in Richtung Toilette unterwegs war, ist die Reaktion inzwischen längst nicht mehr so ungestüm. Vielleicht kann ich sogar einmal den Morgenspaziergang von 7.15 bis 7.50 Uhr wagen. Das müsste sich mit meinem körperlichen Timing inzwischen vereinbaren lassen. Zuerst aber zur Morgengymnastik, um mit Schwung den neuen Tag zu begrüßen, und danach zum Frühstück.

8.30 uhr

Die Modernen Mayr-Ärzte raten dazu, während einer Fastenkur genügend Eiweiß zu essen. Damit soll verhindert werden, dass der Körper seine Muskulatur anzapft. Mit den täglichen Eiweißbeilagen wird diese gut versorgt.

Deswegen ist es auch von so großer Bedeutung, viel Bewegung und Sport zu machen – wer Muskeln aufbaut, verdrängt die Fettzellen. Und Muskeln wiegen zwar schwerer – man möge ihnen verzeihen –, aber sie verbrauchen auch viel mehr Kalorien. Ein muskulöser Mensch kann mehr essen als ein Muskel-Leichtgewicht.
Nach Rückfrage bei meinem Lieblingskoch Markus weiß ich nun: das Forellenfilet, der Tiroler Alpenschnittkäse sowie der Puten-, Kalbs- und Rinderschinken enthalten den höchsten Anteil an Eiweiß. Und Haferflocken! Na, mein Lieber, ob du da wirklich richtig hingeguckt hast? Aber ich glaube Markus auf Anhieb.

Ich entscheide mich für Gartenkräuterkäse, lasse mir viel Zeit (denn ich muss dabei immer an den gestrengen Gesichtsausdruck von Frau Dr. Schirmer denken) und eile dann zur Dauerbrause.

„Und ich brause, brause, brause, brause im Sauseschritt und bring die Liebe mit, von meinem Brausetripp.“ Zum Glück macht das Höllending so einen Lärm, dass mich keiner singen hört. Was für ein Gerät!

Als ich es zum ersten Mal in der Bäderabteilung erblicke, denke ich ein bisschen an Raumschiff Enterprise und noch mehr an Austin Powers: eine weiße Liege mit grüner Matte, eine weiße, blank lackierte Riesenhaube, an deren Unterseite zahlreiche Düsen angebracht sind. Sobald man die Haube nach unten in Richtung Liege senkt und schließt, öffnen sich diese Düsen wie von Geisterhand und es rauscht und braust und duscht.

Etwas skeptisch blicke ich Monika an: Da soll ich rein? Und dann auch noch mit Wechselduschen? Aber sie versichert mir, dass das gar nicht schlimm, sondern ganz extrem entspannend wäre. Ich vertraue ihr, streife meinen Bademantel ab und klettere unbehände auf die Matte. Monika bettet meinen Kopf auf ein Handtuch und schließt vorsichtig den Deckel – schon geht’s los!

Das Wasser rauscht auf mich herab. Es ist mit einem Algenextrakt versehen, sodass es nicht nur gut duftet, sondern meinen Körper auch noch richtig entschlackt und entgiftet. Die Düsen bewegen sich auf meinem liegenden Körper auf und ab – erst warm, dann noch wärmer, dann ein bisschen kälter und schließlich kalt. Na, nicht eiskalt.

Es ist auszuhalten, auch wenn ich mich ein bisschen an der grünen Matte festkralle (was ein unmögliches Unterfangen ist). Mein Kopf bleibt draußen. Ab dem Hals abwärts rauscht es kräftig. Als ich mit meiner Hand über meinen Bauch gleite, ist der ganz glatt geduscht. Die Dauerbrause ist eine echte Lymphdrainage und wird von mir zum Innovations-Award vorgeschlagen.

Nach fünfzehn Minuten heißt es umdrehen und nun wird meine Rückseite mit Druck abgeduscht. Leider sind meine Fußsohlen so empfindlich, dass ich sie seitlich rausdrehen muss. Ansonsten hätte ich mich in der Dauerbrause totgelacht.

Nach dreißig Minuten befreit mich Monika. Ich fühle mich richtig gut und streiche meinem Hydro-Star zärtlich über die Haube. Dann drehe ich noch zwei Runden im eiskalten Kneippbecken und werfe meiner Dauerbrause einen letzten verliebten Blick zu. Doch die verschließt sich schon wieder einer Muschel gleich für einen neuen Gast.

Heute mache ich Bekanntschaft mit Christine R. und lerne: eine gute Masseurin ist auch ein wandelndes Lexikon für Alternativbehandlungen. Während sie meinen Nacken und meine Schultern bearbeitet, erzählt sie von Meridianen, die in meinem Körper unsichtbar verlaufen. Die Chinesen haben die Energielinien gefunden – zu einer Zeit, in der es noch keinen Ultraschall oder Computertomographie gab. Ich schaue Christine etwas skeptisch an. Doch sie verrät mir, man könne die Meridiane mit Samt- und Seidenstrichen ausfindig machen.

Samt- und Seidenstriche! Man stelle sich mal vor. Mit Samt- und Seidenstrichen könnte man mich auch herauslocken. Die Meridiane scheinen allesamt weiblich zu sein und auf zarte Stoffe zu stehen.

Leider lerne ich meine Meridiane heute nicht mehr kennen, die 25 Minuten sind um und meine Meridiane bleiben in meinem Körper – weiterhin unsichtbar – versteckt.

12.45 uhr

Gemüsebrühe schlürfen, Infusion legen, Mittagessen, ruhen.

15.00 uhr

Ich liege faul im Bett. Gerade fällt irgendein gestrenger Fernsehrichter seinen Urteilsspruch über einen mutmaßlichen Täter, da klingelt das Telefon. Meine Tochter Aenne.

„Hallo, mein Schätzchen“, begrüße ich sie erfreut.
„Hallo Mami“, antwortet Aenne. „Wie geht es dir denn beim Fasten und Abnehmen?“
„Gut geht’s mir“, versichere ich wahrheitsgetreu. „Ich hab bestimmt schon zwei Kilo abgenommen und bin erstaunt, mit wie wenig ich auskommen kann. Außerdem hab ich schon Pilates gemacht. Was sagst du dazu?“
„Super und wie hat’s dir gefallen?“

Endlich kann ich mit Aenne ausgiebig telefonieren. Ich freu mich sehr, meine schöne, kluge Tochter am Apparat zu haben. Sie erzählt mir, dass Simon sich beschwert hatte, dass er, seit ich in Tirol bin, keine Care-Pakete mehr in die WG geschickt bekommt. (Ich hatte in Erinnerung, dass er keine wollte!)

Und sie erzählt, dass Little Buddha, unser Kater, jeden Morgen in meinem Bademantel schläft, der vom Haken gerutscht ist. Sie deutet das als sicheres Zeichen dafür, dass er mich vermisst.

Aenne selbst ist gerade dabei, ein Referat zum Thema „Freud – das Ich, Es und Über-Ich“ vorzubereiten. Sie ist ja so klug!
Ich komme nicht umhin – da sie ja selbst nicht darauf zu sprechen kommt –, nach Justus zu fragen.
„Wie geht’s denn Papa so?“, frage ich betont heiter.
Aenne räuspert sich und legt eine schier unendliche Pause ein.

„Na ja“, beginnt sie stockend. „Papa geht’s nicht so gut, glaube ich. Er geht ohne Frühstück aus dem Haus, obwohl ich ja eigentlich das Frühstück mache und er sich nur an den Tisch zu setzen bräuchte, und er kommt bestimmt nie vor neun Uhr abends aus dem Büro nach Hause. Dann schleicht er zu mir ins Zimmer, setzt sich auf mein Bett und erzählt mir seinen ganzen Frust aus dem Büro. Ich höre ihm von meinem Schreibtisch aus zu. Er fragt kurz, wie meinTag war und ob ich auch anständig gegessen hätte. Dann schleicht er ins Bad und spätestens um zehn Uhr liegt er im Bett. Findest du das etwa nicht merkwürdig?“

Ich beantworte ihre Frage mit einer Gegenfrage: „Machst du dir Sorgen um ihn?“
„Mmmh, ich finde, er sieht nicht besonders gut aus“, überlegt Aenne. „Also er hat bestimmt kein Verhältnis mit seiner Sekretärin oder so. Aber ich glaube, er hat mindestens schon genauso viel abgenommen wie du.

Nun bin ich es, die nicht mehr weiß, was sie drauf antworten soll.
„Habt ihr denn Stress miteinander?“, fragt mich Aenne leise.
„Ach Aenne“, seufze ich. „Wir haben keinen Stress miteinander. Und wahrscheinlich ist genau das das Problem. Seit ihr zwei Kinder uns nicht mehr braucht, fehlt uns irgendwie das Miteinander. Papi tigert sich in seine Arbeit, ich bin beinahe täglich neun Stunden in der Strickliesl. Unsere Abende bestehen aus Zeitunglesen, Putzen und Kochen. Und Essen – vor allem für mich. Kannst du dir vorstellen, wie’s mir dabei geht? Wir waren einmal so aktiv. Haben so viel unternommen. Nun sieht es schon seit Jahren so aus, als ob wir am Abend füreinander gar keine Energie mehr hätten.

Wir haben sie schon beide mit Arbeiten verbraucht. Zum Abendessen sitzen wir uns gegenüber und stieren uns an. Jeder zu müde oder zu resigniert, um dem anderen noch groß aus seinem Leben zu erzählen. Du bist es, die uns von ihrem Leben erzählt: von deinen Erlebnissen, deinen Freunden, deinen Prüfungen, deinen Hobbys. Aenne, ist dir noch nicht aufgefallen, dass du beinahe die Einzige bist, die redet? Du bist diejenige im Haus, die vor Leben übersprudelt. Während Papi und ich nur noch – wie sagt man – business on use – machen.“

„Business as usual“, korrigiert mich Aenne.
„Ja, genau“, sage ich kurz. „Ich würde auch gerne wieder ein erfülltes Leben führen. Ich möchte ausgehen, mir die neueste Produktion am Staatstheater anschauen, aktiv sein. Mit deinem Papi lachen und Spaß mit ihm haben. Das alles fehlt mir so sehr und bisher hab ich noch keinen Weg gefunden, um mir darüber überhaupt klar zu werden bzw. es zu verändern. Deswegen bin ich nach Igls gekommen. Ich dachte mir, vielleicht bringt mich das Fasten ein Stück weiter und ich finde wieder einen Weg zurück in ein erfülltes Leben.“

Nach diesem Redefluss fühle mich erschöpft. Noch niemals habe ich so eindrücklich über meine Ehe gesprochen.

Schon gar nicht mit meiner Tochter. Aber es tut gut. „Und hilft es dir?“, fragt mich Aenne. „Das Fasten?“ „Ja, Aenne. Es hilft mir“, antworte ich ihr. „Die intensive Beschäftigung mit meinem Körper führt mich wieder ganz nah an mich selber heran. Je leichter mein Körper wird, umso klarer wird mein Verstand. Ich denke viel über Justus und mich nach. Wie es früher war und wie ich es mir für die Zukunft wünsche.“

„Dann bin ich erleichtert“, sagt Aenne, druckst aber noch ein bisschen herum. „Denkst du, dass ihr eine gemeinsame Zukunft habt? Du und Papi?“
„Ich weiß es nicht“, sage ich leise. „Aber ich hoffe es.“
„Ich hoffe es auch“, murmelt Aenne. „Er vermisst dich so sehr. Glaub mir. Noch nie hab ich ihn so gesehen. Und er vermisst dich nicht, weil er kein Abendessen bekommt. Ich glaube, er denkt mindestens genauso viel nach wie du.“

Ich bin Aenne unglaublich dankbar für dieses Gespräch. Bevor sie Tschüss sagt, gibt sie mir noch einenTipp: Ich solle Justus einen Brief schreiben. Ob ich ihn tatsächlich wegschicken würde oder nicht, meint sie, könne ich ganz am Ende entscheiden. Aber sie hätte beste Erfahrungen mit Tagebuchschreiben. Und es hilft ihr, ihre Gedanken zu ordnen.

Ich sinke erschöpft zurück in meine Kissen: Tagebuch schreiben! Wie lange habe ich schon kein Tagebuch mehr geschrieben. Ja, vielleicht hat Aenne Recht.Vielleicht sollte ich Justus einen Brief schreiben. Und vielleicht sollte ich wieder Tagebuch führen. So würde mir bewusst werden, wie leer oder ausgefüllt mein Leben wirklich ist. Ich könnte meine Gefühle niederschreiben und nachlesen. Und so mein Leben rekonstruieren – äh, reflektieren.

Während ich noch so sinniere, fällt mein Blick auf die Uhr: oje, schon so spät. Josef wartet mit Wirbelsäulengymnastik und Stretching im Gymnastikraum. Also Bauchwickel weg und rein in die Trainingshose.

17.30 uhr

Puuh, bin ich geschafft: Josef zeigte uns wunderbare Übungen zur Kräftigung der Muskeln an Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule. Danach eine halbe Stunde Stretching und die besten Wünsche fürs Wochenende. Er hat frei – wir nicht. Fasten kennt kein Wochenende! Doch ich hab noch nicht genug. Schön langsam beginne ich, die Aktivität und die Bewegung zu genießen. Ich laufe noch eine Runde mit den MBT-Schuhen auf dem Laufband und fahre noch eine 12-Minuten-Rallye auf dem Rad.

Danach fühle ich mich wie Madonna: verschwitzt, entspannt, cool. Wenn vor dem Parkhotel ein paar Paparazzi lauern würden, käme ich mit großer Sonnenbrille und Trainingsklamotten rausspaziert. Dann hieße es: „Die berühmte Elli Heldenstein stieg zum ersten Mal im renommierten Parkhotel Igls ab, einem der angesehensten Gesundheitshotels in den Alpen und Zentrum der Modernen Mayr-Medizin. Wir entdeckten sie, als sie gerade vom Training kam. Unter ihrem T-Shirt zeichneten sich bereits deutlich die neu gewonnenen Oberarmmuskeln ab. Wir freuen uns schon, wenn wir diese in ihrem nächsten Film ,Die Venus tanzt in der Meeresgischt‘ zu sehen bekommen.Wir geben zurück nach Berlin.“

Aber keine Fotografen in Sicht.
Also entschließe ich mich, noch ein paar Runden in dem wunderbar edlen Schwimmbad zu drehen. Ein wohliges Gefühl stellt sich ein. Während ich das warme Wasser durchpflüge, liegt der Park in winterlicher Dunkelheit. Ich höre den eisigen Wind leise in den Wipfeln rauschen. Schade, dass es nicht schneit. Die Flocken vor den großen Panoramatüren würden einen schaurig-schönen Kontrast bilden – schon der Gedanke daran jagt mir die Gänsehaut über den Rücken. Langsam drehe ich mich auf den Rücken und lasse mich von tiefer Glückseligkeit tragen.

20.00 uhr

Meine Knäckebrot-Nachbarin ist abgereist. Wie viele andere auch. Heute ist das Abendessen einsamer. Dennoch kaue ich tapfer eine halbe Stunde an meinen zwei Scheiben Knäckebrot.

Danach lerne ich Carmen und Feldenkrais kennen: eine Bewegungslehre, bei der man sich kaum bewegt. Fünfzig Minuten dauert die Einheit im Gymnastikraum und wir sind bloß zu zweit. Viele der Gäste fahren nach Innsbruck und gehen ins Theater oder ins Kabarett.

Ich bleibe im Hotel. Ich hab nicht einmal ein Kleid zum Ausgehen mit. Ich rolle auf Carmens Handtuchrolle mein Kreuzbein-Darm-Gelenk und rutsche mit dem Becken nach rechts und nach links. Ich fühle Teile meines Körpers, von denen ich bisher nicht ahnte, dass ich sie habe. Ich fühle meine Mitte und die Ausgerichtetheit der Wirbelsäule. Dennoch wird mir traurig zumute, ich fühle mich so klein, so endlich. Das Fasten bringt mich ganz nah zu mir und meinem Körper. Ich bin froh, als ich aus dem abgedunkelten Gymnastikraum schlüpfen darf. Meine Stimmung wechselt wie das Wetter in den Tiroler Bergen.

21.15 uhr

Irgendwer hat „Die Zeit“ aus der Hotellobby geklaut. Seit einem ganzen Tag warte ich schon, dass dieser Jemand sie zurückbringt. Ich muss doch etwas für meine Bildung tun. Also Fernsehen statt Abendlektüre. Ist aber völlig unbefriedigend.

Mein Highlight des Tages
Die Dauerbrause.

Meine Fastenerkenntnis
Fasten ist Spüren: Spüren des eigenen Körpers, des eigenen Lebens, der eigenen Wünsche.

Mein Ziel für zu Hause
Ein Tagebuch führen.