Tag 5 – Donnerstag, 31. Januar

Gewicht 71,3 Kilogramm (juhuu, ein Kilo weniger!)
Ernährung 1 Glas Bittersalz F.-X.-Mayr-Kurstufe 2:
1 Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt + 30 g Rote-Beete-Aufstrich zum Frühstück, 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt + 30 g Forellenaufstrich zu Mittag, 2 Tassen Gemüsebrühe, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot, Tee nach
Belieben Bewegung 30 Minuten Morgengymnastik
Zeitung Gala, Bunte, Frankfurter Allgemeine Zeitung

6.45 uhr

Bitterwasser trinken laut Therapieplan

8.00 uhr

Irre Träume begleiteten mich durch die Nacht. Am Morgen sitze ich aufrecht im Bett. 21 Kilogramm Fett trage ich mit mir rum.Wollte ich es tatsächlich so genau wissen? Ich träumte von Daniela aus der Bäderabteilung: Sie setzte sich auf meine Brust und presste das Fett Kilo für Kilo aus mir heraus.

In der Nacht wache ich auf, mache das Licht an und denke, es ist höchste Zeit aufzustehen. Ich wanke durch mein Hotelzimmer, lasse das Licht brennen und lege mich wieder ins Bett. Mein Herz klopft heftig. Kündigt das von einem Herzinfarkt? Dazu bin ich doch noch viel zu jung.

Morgen wird das Zimmermädchen an meine Tür klopfen und wenn sie merkt, dass der Schlüssel von innen steckt, wird sie die Hoteldirektorin informieren. Meine Retter werden versuchen, die Tür gewaltsam zu öffnen. Wiederum andere werden über die Fassade auf meinen Balkon klettern, um zwischen den zugezogenen Vorhängen einen Blick auf mich zu erhaschen: „Mit fünfundvierzig Jahren ist sie viel zu früh von uns gegangen. Sie wollte schlank sein wie Claudia Schiffer nach drei Schwangerschaften. Nun ist sie tot. Die Frauen des Spinncafés trauern um ihre allseits beliebte Strickliesl. Wir liebten dich so, wie du warst.“

So wird es in unserem Stadtblatt geschrieben stehen.
Doch ich erwache: Etwas verwirrt, mit Kopfschmerzen und viel zu müde, um auch nur einen Gedanken an den Morgenspaziergang oder die Morgengymnastik zu verschwenden. Aber eindeutig lebendig.

8.30 uhr

Lieber gehe ich zum Kneippen – das kann ich schon. Die Damen aus der Bäderabteilung begrüßen mich mit einem freundlichen „Guten Morgen, Frau Heldenstein“.

Dann geht’s los: Füße in die Wanne mit warmem Wasser, Eieruhr auf fünf Minuten einstellen und wieder eindösen. Draußen ist es noch dämmrig und über Nacht hat es geschneit. Ich hab vier mögliche Gründe, warum ich so schlecht geschlafen habe: die Sauna am Abend. Das Fasten. Der Schnee. Justus.

Justus! Ich schrecke hoch. Mir fällt das misslungene Telefonat von gestern ein. Und ein Artikel, den ich in einer Modezeitschrift in der Hotellobby gelesen habe. Darin stand geschrieben, dass im Rahmen einer schwedischen Studie herausgefunden wurde, dass der Anfangsbuchstabe des eigenen Vornamens Aufschluss gibt über die sexuellen Neigungen. Unter dem Anfangsbuchstaben „E“ las ich:

„Von einer guten Beziehung erwartest du vor allem gute Kommunikation. Wenn dein Partner dir nicht zuhören will oder dich schlichtweg nicht versteht, verlierst du schnell das Interesse. Ein Mensch muss dich intellektuell reizen, um zu deinem Sexgott erkoren zu werden. Und wenn du dein Herz erst einmal verschenkt hast, bist du unerschütterlich treu. Unsicherheit und Wutausbrüche sind dir ein Gräuel, dafür schätzt du gute Diskussionen.“

Schon wieder brachte ein völlig fremder Mensch, der mich nicht einmal kannte, auf den Punkt, worum es in meinem Leben geht. Justus scheint mich nicht mehr zu verstehen. Wir haben uns im Laufe der Jahre meilenweit voneinander entfernt. Er lebt sein Leben mit Arbeit, Club und Zeitung lesen.

Ich lebe mein Leben in meinem Laden, mit meinem Spinncafé und dem Haushalt. Hört er mir eigentlich noch zu, wenn ich ihm von mir erzähle? Oder gilt das Grunzen hinter seiner Tageszeitung dem aktuellen DAX? Lebhafte Diskussionen gibt es kaum noch. Zu verfahren scheinen schon die Positionen: Alles scheint klar. Alles unverrückbar festgelegt. Aber muss das so sein? Können wir nicht wieder unser Leben gemeinsam führen?

Nur fünf Minuten gönnt mir die Eieruhr, dann wate ich durch das eiskalte Wasser und verliere unter meinen betäubten Sohlen schier den Kontakt zum Boden.
Ich werde einen neuen Weg finden – auch wenn er so eisig ist wie das Wasser im steinigen Kneippbecken.

10.00 uhr

Seit dem unangenehmen Telefonat mit Justus scheinen vermehrt Männer meinen Weg zu kreuzen. Nach einem Frühstück mit Dinkelbrötchen, Joghurt und Rote-Beete-Aufstrich legt mich Elmar flach. Na ja, flach auf die Mas sageliege.
Das Fasten scheint mir den letzten Rest Verstand zu rauben.Was denke ich hier eigentlich? Na ja, andere übergeben sich oder krümmen sich unter Migräneschmerzen und wiederum andere gucken eben fremden Männern hinterher.

So unterschiedlich können Fastenerlebnisse sein.
Vor Elmar schäle ich mich aus meinem „Parkhotel Igls“-Bademantel. Ja, ich trage ihn nun auch. Wenn auch noch nicht regelmäßig! Elmar legt los und nimmt sich sogleich meines verspannten Strick-Schultergürtels und -Nackens an. Im Hintergrund pfeifen die Vögel aus der Konserve.

Die Musik und Elmars Zauberhände tragen mich weit weg. Schon bin ich eine von Paul Gauguins „Frauen am Strand“. Im Dickicht zwitschert es, in der Ferne rauscht die Meeresbrandung. Die Haut ist feucht von der schwülen Luft der Südsee.

Elmar spricht nicht viel. Seine Hände rieseln einem warmen Wasserfall gleich meine Wirbelsäule entlang. Seine Fingerspitzen perlen über meine Haut und ich seufze wohlig. In diesem Moment wird mir klar, dass es ein Fehler war, mich bisher in meinem Leben nur von Frauen massieren zu lassen. Der große Unterschied: Frauen reden mehr und ab und zu fehlt ihnen das Gespür für ihr Gegenüber. Und noch kein Mann hat es geschafft, mich binnen weniger Minuten in die Südsee zu schicken. Günstiger könnte Urlaub nicht sein. Elmar sei Dank!

Danach massiert mir Frau Dr. Schirmer den Bauch. Ich werde gewogen und kann es kaum glauben: ein Kilo weniger. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Drei Tage kaum etwas zu beißen und mehr als ein Kilo war nicht drin? Na ja, ich habe mir vorgenommen, die Dinge positiv zu sehen. Also lache ich. Wenn auch verhalten.

Ebenfalls gratis dazu erhalte ich von Frau Dr. Schirmer ein paar wertvolle Tipps für meine Orangenhaut. Na, wenn wir schon beim Thema sind, meinetwegen: Ich solle zukünftig drauf achten, weiße Mehle wie Brot, Nudeln, Reis zu vermeiden. Ich solle am besten keine Süßigkeiten mehr essen, keine Marmelade und auch keinen Honig.

Am besten wäre: Gemüse. Nur Gemüse! „Das kann sie nicht ernst meinen“, denke ich. Doch sie meint es ernst. Bitterernst. Aber so ein Leben ohne Genuss ist doch kein Leben mehr. Nicht für mich.

Hat doch Aenne einmal mit einem Fragebogen ausgetestet, dass ich nach Ayurveda der Kapha-Typ wäre. Mit der Konklusio: „Der Kapha-Typ braucht von allen am wenigsten.Will aber am meisten.“ Da gebe ich diesem fremden Menschen, der mich nicht kennt, ausnahmsweise Recht.

11.00 uhr

Meine zweite intravenöse Gemüsebrühe – die Baseninfusion, um alle garstigen Säuren aus meinem Körper zu verjagen. Draußen ist es trüb, ein paar Schneeflocken haben es bis hier herunter auf das 900 Meter hoch gelegene Igler Plateau geschafft. Mager. Sehr, sehr mager.

Meine Tischnachbarin aus dem Speisesaal – die Knäckebrotspezialistin – setzt sich neben mich und wartet ebenfalls auf ihre Infusion. Mit Blick auf den trüben Patscherkofel erzählt sie mir, dass sie bereits zum sechsten Mal hier logiert. Jedes Jahr im Winter kommt sie für mindestens zwei Wochen nach Igls. Mit der Bahn ist sie in gut vier Stunden von Zürich in Innsbruck.

Viele andere Hotels hätte sie schon ausprobiert – auch die ganz neuen, durchdesignten –, aber nirgendwo anders würde es ihr so gut gefallen wie im Parkhotel Igls. „Sie haben eine gute Wahl getroffen“, nickt sie mir zu. „Dieses Haus ist toll. Ich mochte es ja immer schon, auch noch vor dem Umbau. Nun ist es viel moderner geworden. Hier herrscht absolute Freundlichkeit und es ist immer jemand da, wenn man ärztliche oder fachliche Hilfe braucht. Kein Snobismus, sondern wunderbar entspannt. Auch für alleinreisende Frauen.“

Tagsüber ist immer ein Arzt vor Ort. In der Nacht sorgen Innsbrucker Medizinstudenten als Nachtdienst dafür, dass Gäste bei Bedarf mit Kopfschmerztabletten oder anderen Medikamenten versorgt werden.
Berühmte Menschen steigen hier ab. Sogar Präsidenten waren schon im Haus: Vaclav Havel und Rudolf Schuster kamen nach Operationen zur Reha und auch Thomas Klestil logierte hier im Parkhotel.

Ich lehne mich entspannt zurück: Ja, ich hab eine gute Wahl getroffen. Ich habe die Wahl getroffen, nach mehr als zwanzig Jahren wieder alleine zu verreisen. Ohne Justus und ohne Kinder. Und ich habe mich aus der Flut von Hotelprospekten für das Richtige entschieden. Für diesen Moment bin ich glücklich.

12.00 uhr

Ein frühes Mittagessen, denn der Body-Wrap wartet schon auf mich. Dinkelbrötchen mit köstlichem Forellenaufstrich. Nachdem Frau Dr. Schirmer mich noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen hat, dass ich für jede Mahlzeit mindestens eine halbe Stunde brauchen sollte, lasse ich mir Zeit. Kauend und schlürfend sitze ich in dem hellen Speiseraum, an dem beinahe jeder Tisch belegt ist. Nach einer halben Stunde falte ich meine Serviette und erhebe mich satt und ohne Völlegefühl von meinem Platz.

12.30 uhr

Daniela erwartet mich und hat sich etwas Neues überlegt: Diesmal werde ich für den „Body-Wrap“ – eine Behandlung speziell für die Problemzonen der Frau – in Frischhaltefolie verpackt. Zuerst ein kühles, stoffwechselförderndes und porenöffnendes Gel auf die Haut, dann wird der gesamte Körper mit einem Frischalgenspray befeuchtet und zu guter Letzt mit einer Mischung aus Vulkanerde, chinesischer Heilerde und Spirulina-Algen eingerieben. Nun sehe ich brustabwärts aus wie ein grüner Froschmann. Kurz überlege ich, ob ich so zum Faschingstreiben aufbrechen soll. Verwerfe den Gedanken aber angesichts der winterlichen Temperaturen knapp über null Grad.

Danach beweist Daniela, dass sie nicht nur eine tolle Kosmetikerin ist, sondern bestimmt auch eine hervorragende Hausfrau: Sie wickelt mich in Frischhaltefolie, dass es einem frischen Kalbsschnitzel alle Ehre machen würde. Erst die Beine ganz locker. Danach geht Daniela ans Eingemachte und wickelt mich so straff in die Folie, dass meine Oberschenkel, mein Po und meine Hüften garantiert nicht mehr atmen können. Ich mache mir langsam Sorgen um meine Sauerstoffversorgung hüftabwärts. Sterben Gliedmaßen ab, wenn sie für längere Zeit mit zu wenig Sauerstoff versorgt werden?

Daniela beruhigt mich und bettet mich auf die frisch bereitete Liege. Ich darf schlafen und dösen. Und das tue ich in dem guten Gefühl, dass meiner Orangenhaut und den Dellen an meinen Problemzonen schwere Zeiten bevorstehen.

16.00 uhr

Ich schalte zur Vorsicht mein Handy ein. Vielleicht hat mir ja der Kater eine Nachricht hinterlassen und fragt nach, wann ich zurückkehre. Wider Erwarten piepst das Ding tatsächlich. Eine SMS von Justus.

„Meine liebe Elli. Ich vermisse dich. Mindestens genauso wie unser Kater. Dein Justus.“

Mir wird warm ums Herz. Sollte doch noch alles gut werden?

17.00 uhr

Ich leide entschieden an Entzugserscheinungen. Bei meinem Spaziergang kann mich nicht einmal die vom Neuschnee strahlend weiße Nordkette aus meinen Gelüsten reißen, ständig tauchen Süßigkeiten vor mir auf. Weiße Schokolade, Schokoladenküsschen, Pralinen in allen Formen und Füllungen. Wäre nur ein Glas Schokoladenbrotaufstrich aus dem Tiroler Himmel herabgeschwebt, ich hätte es mit einem Suppenlöffel bis zum letzten Rest ausgekratzt. Allein bei dem Gedanken läuft mir der Speichel im Mund zusammen.

Und dabei erstaunt mich immer wieder, mit wie wenig mein Körper auskommt: ohne Murren und Mucksen. Er bäumt sich nicht auf, beschwert sich nicht. Was habe ich ihm bloß in den letzten Jahren zugemutet – viel zu viel von allem. Viel zu große Portionen, viel zu häufig kleine Zwischenmahlzeiten. Er hätte das alles nicht gebraucht. Allein ich wollte es so. Der Darm eines fünfundsiebzigjährigen Menschen – der sich nicht nach den Ernährungsrichtlinien von F. X. Mayr ernährt, wohlgemerkt – hat bereits rund 30 Tonnen Nahrung und 50.000 Liter Flüssigkeit transportiert.

Das ist Schwerstarbeit. Davor sollte man wirklich Achtung haben. Erst zweimal habe ich mein Dinkelbrötchen bis zum letzten Krümel aufgegessen. Meist bin ich vorher satt und befolge den Fasten-Ratschlag: „Beim ersten Sättigungsgefühl beende deine Mahlzeit.“

18.00 uhr

Markus hat mich zu sich in die Küche eingeladen: Er würde mir beibringen, wie man richtig Gemüse schneidet. Das meint er ja wohl nicht ernst, oder? Beim Teeschlürfen und Knäckebrotknabbern denke ich diese Variante durch. Verwerfe sie aber gründlich.

19.30 uhr

Chefarzt Dr. Winkler ist heute mit einem Vortrag an der Reihe. Es ist spannend und ich komme mir vor wie eine junge Medizinstudentin, die eine Vorlesung in Sachen Anatomie besucht, und höre Erstaunliches: 8 bis 10 Meter ist der menschliche Darm lang, mit einer Wirkfläche von 400 bis 500 Quadratmetern.

Ich weiß nun auch, dass ein gesunder Bauch anders aussieht als meiner: Er sollte nämlich kein Querrelief haben – sprich Fettröllchen, sondern die Reliefzeichnung sollte vertikal verlaufen. Denn von oben nach unten verlaufen die Muskelstränge.

Unter der Bauchdecke liegt das „Große Netz“ und dahinter verbergen sich die unzähligen Dünndarmschleifen, eingerahmt vom Dickdarm. Wenn es mit dem Darm bergab geht, beginnt es erst mit einer Erschlaffung: der querliegende Dickdarm hängt in der Mitte mehr und mehr durch. Dadurch kommt es zu Verschmutzungen, der Darm ist nicht mehr in der Lage, sich selber zu reinigen. Dadurch kommt es zur Ptose, der gesamte Darm beginnt sich nach unten zu senken.

Später kommt es zur Dysbakterie, zu Gärungs- und Fäulnisprozessen im Darm. Diese Gärungsbakterien beginnen langsam in den Dünndarm zurückzuwandern. Was sie in keinem Fall tun sollten. Im schlimmsten Fall kommt es zu einer Entzündung und letzten Endes kann es sogar zu einer Penetration von Schadstoffen in Blut und Lymphe kommen. Mir wird ganz anders zumute. Schade, dass Biologie und Anatomie zu Schulzeiten nicht erst genommen werden. Hier müsste doch eigentlich schon bei Kindern ein Bewusstsein für den Körper und seine Funktionen geschaffen werden.

21.00 uhr

Im Pyjama und Bademantel schlurfe ich durch die völlig leere Hotellobby und hole mir von der Teebar einen Abendtee. Dann noch ein Bauchwickel und ab ins Bett.

Mein Highlight des Tages
1 Kilo weniger!

Meine Fastenerkenntnis
Mein Körper ist ein Wunder der Schöpfung. Ich danke meinen Organen und meinem Darm, dass er bisher so reibungslos und ohne mein Zutun 24 Stunden täglich dafür gesorgt hat, dass es mir gut geht.

Mein Ziel für zu Hause
Diese größten fünf Fehler beim Essen werde ich zukünftig vermeiden:

1) zu schnell essen (jeden Bissen mindestens 30-mal kauen)

2) zu viel essen (der Nerv zwischen Magen und Hirn ist ziemlich langsam: er braucht für seine Botschaft „Satt“ 20 Minuten)

3) zu oft essen (4 bis 5 Stunden sollten zwischen den Mahlzeiten liegen)

4) das Falsche essen (nämlich Süßigkeiten, denaturierte
Produkte, viel Fleisch)

5) um die falsche Zeit essen (nämlich abends)