Tag 10 – Dienstag, 5. Februar (Faschingsdienstag)

Gewicht 69,5 Kilogramm (es geht bergab!)
Ernährung 1 Glas Bittersalz F.-X.-Mayr-Kurstufe 4 „Trennkost“:
1 Roggen-Dinkel-Brötchen + 200 ml Joghurt + 50 g Mozzarella zum Frühstück, 1 Tasse Gemüsebrühe, Artischockenbasensuppe mit Kräutern und soufflierter Fisch aus dem Wasserbad mit Karottenblumen, Dillgurken und Quittensenfschaum zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot + 50 g Forellenaufstrich zum Abendessen,Tee nach Belieben
Bewegung 1⁄2 Stunde Morgengymnastik
Zeitung keine (schlecht – ich verfalle schon in die dieselbe Unwissenheit wie zur Zeit meiner Ankunft)

6.45 Uhr

Bitterwasser trinken laut Therapieplan

8.00 Uhr

Schwungvolle Morgengymnastik mit Hanni.

10.00 Uhr

Was macht dieses merkwürdige Brötchen auf meinem Frühstückstisch? Ich will sofort mein altbewährtes Dinkelbrötchen zurück, doch Jasmine begrüßt mich so herzerfrischend, dass ich meine Beanstandung hinunterschlucke.

„Sie sind ja befördert worden, Frau Heldenstein“, lacht die dunkelhaarige und sympathische Restaurantleiterin. Und tatsächlich: Das kleine Info-Blatt auf meinem Tisch hat erneut die Farbe gewechselt. Aha, daher also jetzt das Brötchen. Es ist ein wenig kräftiger und gehaltvoller und besteht aus Dinkel und Roggen.

Na ja, schmeckt auch sehr gut. Heute Mittag werde ich also das gesamte Ausmaß der „Stufe 4 – Moderne Mayr-Diät, Menü Trennkost“ kennen lernen.

Fast möchte ich protestieren (eine merkwürdige Angewohnheit) – „Ich könnte ja noch ewig mit Brötchen und Eiweißzulage weitermachen“ –, aber bevor ich noch den Mund aufmachen kann, entdecke ich die Menükarten für Mittag und habe den Protest schnell vergessen.

Ich darf wählen zwischen „Feinem Gemüsespieß auf geschmortem Chicoree mit Kräutern“ und „Souffliertem Fisch aus dem Wasserbad mit Karottenblumen, Dillgurken und Quittensenfschaum“.

Mmh, das klingt ja verführerisch. Ich entscheide mich für den Fisch und bin gespannt, was mich heute Mittag erwartet.

Auch wenn ich seit gestern mental faste und mir fest vorgenommen habe, nicht mehr über andere Menschen zu sprechen, stelle ich entschieden fest: Viele nehmen diese Kur hier nicht so ernst, wie sie das tun sollten.

Es gibt welche, die ihr Brötchen stehen lassen und nur den Joghurt auslöffeln („Eisbein“ gehört zu dieser Sorte Kurverweigerer), welche, die während der Mahlzeit Zeitung lesen und dann gibt es solche, die ihr Brötchen nie und nimmer 30 bis 40 Mal kauen. Ich will’s ja nur angemerkt haben und erhebe mich vom Tisch.

10.20 Uhr

Gestern hab ich noch gelernt, dass ich Hektik und Anspannung reduzieren soll, doch schon nach dem Frühstück packt mich der Kurstress. Um 9.30 Uhr geht’s in die helle, freundliche Bäderabteilung im 1. Stock zum Stoffwechsel-Entgiftungsbad.

Alles ist bereitet – ich fühle mich wie eine Königin, als ich in die Therapiebadewanne mit integriertem Whirlpool steige. Mmh, tut das gut. Schon sprudelt es kräftig los. Für dreißig Minuten werden meine Orangenhaut an den Oberschenkeln und meine Mondkraterlandschaft am Po mit einem kräftigen Strahl bearbeitet. Auch der Nacken darf sich über eine Massage freuen.

Mein Blick wandert durch den hellen Raum und ich genieße die Schwerelosigkeit im Körper. So muss es sich wohl angefühlt haben als Embryo im Bauch meiner Mutter: schwerelos, warm, geborgen, geschützt, mit allem Notwendigen versorgt, das ich zum Leben gebraucht habe. So haben sich meine Kinder in meinem Bauch gefühlt – umgeben von einer schützenden Hülle, undurchdringbar und nicht wissend, was sich dahinter wohl verbergen möge.

Ein Gleichnis kommt mir in den Sinn. Es setzt die Geburt des Menschen mit dem Tod in Beziehung: Ebenso wenig wie ein Baby im Bauch seiner Mutter sich vorstellen kann, welch intensiven Eindrücke in der Welt da draußen warten – Farben, Gerüche, Geschmäcker, Himmel,Wiese, Tiere, Blumen –, ebenso wenig kann sich ein Mensch vorstellen, was ihn nach seinem Tod erwartet.

Als ich so sprudelnd vor mich hindöse, entspannt sich mein Körper zunehmend – das Gleichnis macht mich durch und durch ruhig.

Nach einer halben Stunde weckt mich Monika sanft aus meinen Träumereien. Sie hilft mir aus der Badewanne und reicht mir eines der kuscheligen Handtücher. Langsam trockne ich mich ab, ziehe meinen Bademantel über und drehe noch drei Runden im erquickenden Kneippwasser.

Als Nächstes erwartet mich Dr. Barth, der insgeheim zu meinem Lieblingsarzt hier im Hause geworden ist. Das Geheimnis seiner Person? Eine Mitarbeiterin aus der medizinischen Abteilung verriet es mir: „Er lässt alle so, wie sie sind. Er will nicht verändern. Und das zeugt von einem großen Geist.“

Ich bin beeindruckt. Dr. Peter Barth strahlt eine Ruhe und Gelassenheit aus, die ihn unglaublich sympathisch macht.

Nun darf ich mir von ihm eine halbe Stunde lang meinen Bauch und den Darm massieren lassen. In seinem „Zimmer mit Aussicht“ überblickt man von der Massageliege aus die gesamte Nordkette: Sie strahlt im Licht, als ob jemand mit einem überdimensional großen Zuckerstreuer feinsten Puderzucker über die Gipfel, Schluchten und Gruben gestreut hätte.

Eisig kalt glänzen die Schneefelder in der Vormittagssonne. Umso wärmer massiert Dr. Barth mit kreisenden Bewegungen meinen Bauch. Die Bauchmassage, so erklärt er mir, ist eine Domäne der F.-X.-Mayr-Ärzte.

Alle sonstigen Teilmassagen, die in meinem Kur-Paket enthalten sind, haben neben ihrer spezifischen eine unterstützende Wirkung auf Entschlackung und Regeneration. Die Bauchmassagen werden alleine von den Ärzten im Haus bei jeder ärztlichen Kontrolle durchgeführt. Und wenn’s sein muss, auch öfter (so wie nun bei mir).

„Die Bauchmassage gehört zu unserem ganzheitlichen Behandlungsansatz“, erklärt mir Dr. Barth. „Sie bietet uns Ärzten die Möglichkeit, Befindlichkeiten des Patienten zu erfahren. Es geht um großes Vertrauen. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass ein fremder Mensch Sie an dieser doch sehr intimen Stelle berührt und massiert.“

Ich nicke zustimmend – mein Darm grunzt zufrieden. Ihm scheint die Massage zu gefallen. „Wir Ärzte können immer nur lindern, helfen, beraten und Auskunft geben. Der Heilungsprozess ist von vielen Faktoren abhängig.“

Verdutzt schaue ich auf. Mit ernstem Gesicht streicht und schiebt und bewegt der Arzt meine Bauchdecke. Mir fallen all diese Ärzte ein, die mir oder meiner Familie unglaublich distanziert, ignorant und von oben herab begegnet sind. Die keine wirkliche Auskunft geben. Medikamente verschreiben, ohne dass man darum gebeten hat.

Die auf mehrmaliges Nachfragen nur geantwortet haben: „Was nicht ist, darüber lohnt es sich nicht zu sprechen.“ Die Fragen nach dem Warum, nach der möglichen Prävention mit einem Satz vom Tisch gefegt haben. Die es geschafft haben, dass ich mit Tränen in den Augen ihre Praxis verlassen habe (nicht wegen der schlechten Diagnose, sondern aufgrund ihres unverschämten Verhaltens mir gegenüber). Die mir nicht die Hand geschüttelt haben und nach einem fünf Minuten langen Gespräch ihr Urteil über meinen Gesundheitszustand gefällt haben.

Wie groß wären wohl die Augen all dieser Ärzte geworden, wenn sie gehört hätten, mit welcher Bescheidenheit und Gelassenheit Dr. Barth seinen letzten Satz ausgesprochen hat.

„Ja, heilen kann sich der Körper wohl nur selber“, sage ich zögerlich.
Dr. Barth hält einen Augenblick inne und wendet sich zu mir. Seine blauen Augen blicken ernst: „Um einen Heilungsprozess einzuleiten, bedarf es eines festen Glaubens an die eigenen Selbstheilungskräfte und eines unerschütterbaren Vertrauens, in ein größeres Ganzes eingebunden zu sein.“

11.30 Uhr

Benommen und beeindruckt von dem Verspürten und dem Gesagten schüttle ich Dr. Barth die Hand und schlurfe in meinen weißen Pantoffeln über den Marmorboden in Richtung Bäderabteilung. Der letzte Satz von Dr. Barth hat sich in meinem Kopf ausgebreitet. Ich bin tief und innig berührt.

Auch noch, als ich bei Christine W. ankomme. Bei ihr darf ich für eine weitere halbe Stunde eine ausgiebige Rückenmassage genießen. Und bin von einem zum anderen Mal erstaunt, wie unterschiedlich sich doch die acht verschiedenen Masseure sich meinem immer gleich bleibenden Körper annähern.

12.00 Uhr

Mmmh, wie köstlich schmeckt warmes Essen. Ich schlürfe meine Avocadobasensuppe mit dem Teelöffel, denn auch nach der herkömmlichen Brot-Milch-Diät gilt: langsam essen und bereits im Mund verdauen. Der Teelöffel soll die Schulung unterstützen. Ich denke an die vielen kleinen Snacks, Brote oder Schnitten, die ich in meinem Leben schon voll Heißhunger in mich hineingestopft habe. Damit hab ich meinem Körper nicht einmal die geringste Chance gegeben, sich auf eine Mahlzeit vorzubereiten.

Meist ist es so, dass ich so hungrig aus der Strickliesl nach Hause komme, dass ich – bereits am Herd stehend – nebenbei einen halben Laib Brot mit Salami verdrücke. Bis das richtige Essen dann fertig ist und Justus und Aenne amTisch sitzen, habe ich mir bereits einige hundert Kalorien zugeführt.

Dem gemeinsamen Essen hat das meist keinen Abbruch getan – ich hab auch am Tisch eine Riesenportion verspeist. Wie soll ich das nur nach meiner Kur in den Griff bekommen? Ich nehme mir in jedem Fall vor, gleich nach meiner Ankunft zu Hause einen Riesentopf Basenbrühe zu kochen.

Die ist im Kühlschrank bis zu sechs Tage haltbar. Sie sollte den ersten Hunger in jedem Fall verhindern helfen. Suchend sehe ich mich im Speisesaal um.Wo ist eigentlich „Eisbein“ geblieben? Den hab ich seit gestern Abend nirgendwo mehr entdecken können. Na, auch besser so.

13.00 Uhr

Was macht das Fasten mit mir und meinem Körper? Ich liege in meinem kuscheligen Bett, das hoteleigene Nackenhörnchen unter dem Kopf und lasse meinem Gedankenkarussell freien Lauf.

Den ersten Tagen des Entzuges – mit Augenringen und kalkweißem Gesicht – folgte die Ruhe des Körpers. Während der Darm sich mehr und mehr darüber zu freuen scheint, dass er eine Arbeitspause einlegen darf, geht im Kopf ein Lämpchen an: blingg!

Wirre Knäuel an Konstrukten, Plänen, Ideen und Gefühlen beginnen sich langsam zu sortieren. Enttäuschungen, Wut, Entschlossenheit, Glück, Innigkeit – alle Empfindungen finden dankbar ihren richtigen Platz in meinem Gehirn, wie kleine Hunde, die sich in ihren langen Leinen verheddert haben und nun in ihr eigenes Körbchen huschen.

Sich glücklich einrollen und einschlafen. Doch die verspätete Fastenkrise hält an: Mein Herz schlägt zu allen passenden (Morgengymnastik) und unpassenden (zufälliges Aufeinandertreffen mit „Eisbein“) Gelegenheiten wie wild.

15.00 Uhr

Am Nachmittag absolviere ich mein Ergo-Training, mit dessen Hilfe Dr. Barth feststellen möchte, wie es meinem Herzen geht, ob es auch zum richtigen Zeitpunkt und im richtigen Takt schlägt. Wie leistungsfähig mein Körper ist und in welchen Pulsbereichen ich zukünftig – also zu Hause – trainieren soll. Dr. Barth geht tatsächlich davon aus, dass ich nach meiner Abreise trainieren werde. Ein echter Idealist halt.

Mal sehen, vielleicht leide ich ja unter gebrochenem Herzen und die ganze Verkabelung an meiner Brust und an meinem Rücken bildet den feinen Haarriss sofort auf dem Bildschirm ab.

Dann wird Dr. Barth mich fragen: „Frau Heldenstein, wer hat Ihnen denn das Herz gebrochen?“

Und ich werde kleinlaut antworten: „Es war Justus, mein Ehemann. Er hat es in zwanzig Jahren Ehe so sehr vernachlässigt, dass es beschlossen hat, wie eine heiße Suppenschüssel zu zerspringen. Doch ich lebe gut mit gebrochenem Herzen, wissen Sie. Manchmal piekst mich ein kleiner Splitter in die Rippe. Dann kann ich leider nicht trainieren und meistens muss ich mich dann mit einem Stückchen Schokolade trösten. Aber sonst lebt es sich gut mit gebrochenem Herzen.“ Und ich werde tief seufzen und Dr. Barth wird zuversichtlich antworten: „Es liegt in Gottes Hand, Ihr Herz zu heilen.“

Nichts erscheint auf dem Bildschirm. Ich bin längst verkabelt und strample auf dem Hometrainer-Rad. Der pure, salzige Schweiß in meinen Augen reißt mich aus den Gedanken. „Reicht es schon?“, presse ich heraus, meine Oberschenkel glühen vor Anstrengung. Ich trete weiter kräftig in die Pedale.

„Noch drei Minuten. Aber das schaffen Sie, Frau Heldenstein“, beruhigt er mich und motiviert mich noch einmal. „Wenn Sie das schaffen, dann bin ich richtig stolz auf Sie.“

Mein Herz schlägt wie wild, Dr. Barth misst mir in regelmäßigen Abständen den Blutdruck. Die letzten zehn Sekunden zählt er im Countdown, ich hänge mit meinem Oberkörper nicht besonders ansehnlich vorne über dem Lenker des Fahrrades, bin klitschnass und mein Hosenbund trieft vor Schweiß. Was für eine Schinderei.

Endlich gibt mir Dr. Barth das Signal: Ich hab die vom Computer errechneten hundert Prozent Leistungsfähigkeit erreicht. Besser wäre natürlich, wenn’s ein bisschen drüber gewesen wäre. Aber was soll’s.

Während ich mir Gesicht und Oberkörper mit einem Handtuch abtrockne, erklärt er mir jede Mengen Zahlen und Statistiken, die der Computer errechnet hat: Das EKG ist absolut in Ordnung, Blutdruck ebenso. „Frau Heldenstein ist rundum gesund, wenn auch nicht besonders fit.“ Mit diesem Urteil kann ich leben. Schnell ziehe ich mein T-Shirt über und hopse beschwingt vom Rad.

„Schon lange her, dass mich ein Mann so ins Schwitzen gebracht hat“, schmunzle ich.

„Na, dann war’s ja höchste Zeit“, tönt es von der halboffenen Tür.

Entsetzt wende ich mich um. „Eisbein“ steht breitbeinig im Flur. Seine Brusthaare quellen über den Revers seines Bademantels. „Bin grade auf dem Weg nach unten, bekomme gleich eine Infusion gesetzt“, setzt er erklärend nach. „Na, sind Sie fit für Ihre Ankunft zu Hause? Sie wissen schon: der Brunnen braucht frisches Wasser.“

Bevor ich noch einen Pieps antworten kann, verschwindet er in Richtung Bäderabteilung. Ich höre, wie er über den Fliesenboden schlappt. Am liebsten würde ich ihm die Infusionsnadel sonstwo hinrammen.

„Frisches Wasser braucht der Brunnen“, murmle ich entrüstet.
„Wie meinen Sie?“ Dr. Barth sieht mich fragend an.
„Ach nichts“, antworte ich und strecke ihm die Hand entgegen. „Vielen herzlichen Dank. Ich bin froh, dass mein Herz keinen Sprung hat und mich keine Splitter vom zukünftigen Training abhalten werden. Die Nordic-Walking-Stöcke sind bereits geordert.“

Damit verabschiede mich und marschiere aus dem Raum.

17.00 Uhr

„Na, warte. Wenn du mir über den Weg läufst“, wütend sehe ich mich auf dem Weg zu meiner ärztlichen Kontrolle um. Doch „Eisbein“ zieht es vor, mir nicht zu begegnen.

17.53 Uhr

Ich schaue in den Spiegel und sehe eine gut aussehende Frau. Seit langer Zeit finde ich Gefallen an mir. Drum trage ich zum Abendessen ausnahmsweise Lippenstift auf.

19.00 Uhr

„Eisbein“ bleibt weiterhin unsichtbar. Doch seine Kommentare wurmen mich. Und wo spür ich’s am allermeisten: im Bauch. Bei meinen Milliarden von Nervenzellen schrillen schon beim Namen „Eisbein“ alle Alarmglocken.Wie er wohl wirklich heißt?

21.00 Uhr

Irgendwo zwischen Österreich und Deutschland liegt nun mein Brief an Justus. Ungeduldig wartend auf den Moment seiner Ankunft. Ebenso wie ich.

Mein Highlight des Tages
Soufflierter Fisch aus demWasserbad mit Karottenblumen, Dillgurken und Quittensenfschaum

Meine Fastenerkenntnis
Wer sich nach körperlichem und seelischem Heil sehnt, muss sich selbst als kleiner Teil eines größeren Ganzen begreifen.

Mein Ziel für zu Hause
Keine Häppchen und Schnittchen mehr zwischendurch essen.