8 Tage nach der Kur – Sonntag, 17. Februar
Gewicht 67,2 Kilogramm
Ernährung 1/4 Glas Bittersalz, Roggen-Dinkel-Brötchen mit einem weichen Ei und Joghurt zum Frühstück, Spinatsüppchen + Lammkeule mit Rosmarinkartoffeln und frischer Feldsalat zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot + 50 g Mozzarella zum Abendessen
Bewegung Morgenspaziergang
Zeitung keine
9.00 Uhr
Nachdem meine guten Vorsätze in Sachen Morgengymnastik bereits am dritten Tag zu Hause wie ausgelöscht waren, hab ich den Sonntag mit einer großen Runde Morgenspaziergang begonnen.
Sport alleine macht keinen Spaß. Ic hüberlege mir, ob ich mir eine Turn- oder Tanzgruppe in der Nähe suchen soll. Nach über einer Woche zu Hause ist meine Kur nun definitiv zu Ende. Ab morgen könnte ich wieder essen, worauf ich Lust habe.
Doch mein Essverhalten hat sich von Grund auf verändert: Alle denaturierten oder süßen Speisen, von denen ich glaube, sie enthalten künstliche Zusatzstoffe oder Zucker, vermeide ich scheinbar instinktiv.
Ein absolutes Novum in meinem Leben: Kaffee ohne Zucker!
Ich esse auch nicht mehr aus Langeweile – die vier bis fünf Stunden Pause zwischen den Mahlzeiten halte ich penibel ein. Bislang funktioniert alles gut. Zudem zeigt die Waage, dass ich nach wie vor kontinuierlich an Gewicht verliere. Mein Darm und meine Verdauung werden sich problemlos auf ein Leben ohne Bittersalz umstellen.
13.00 Uhr
Der schwere Sonntagsbraten hat ausgedient: Aenne hat bei Freunden übernachtet, für Justus und mich gibt es Lammkeule mit Rosmarinkartoffeln. Justus beobachtet mein verändertes Essverhalten, verkneift sich aber einen Kommentar.
Er scheint die neuen Angewohnheiten seiner rundum erneuerten Frau etwas argwöhnisch, aber wohlwollend zu verfolgen.
Auch unser Zusammenleben hat sich verändert, wenngleich es mir schwer fällt zu erklären, was sich verändert hat: Vielleicht bin allein ich es, die eine andere geworden ist. Ich bin selbstbestimmter und trete auch so auf:
– Nachdem Justus sich zwei Wochen selber die Anzüge für den nächsten Tag bereitgelegt hat, hab ich ihm vorgeschlagen, diese Vorgehensweise beizubehalten. Seine Stimme verriet keinerlei Begeisterung, aber er konnte auch keine Einwände einbringen.
– Ich hab Justus davon unterrichtet, dass ich mich auf die Suche nach einer Zugehfrau mache. Auch hier konnte er weder finanzielles Unvermögen noch sonst einen schlagenden Einwand vorbringen. Ich wertete sein Brummen somit als Zustimmung und rief am Freitag sogleich bei meiner Freundin Ines an, die sich bestens mit Hauspersonal auskennt.
– Gestern, Samstag, half mir Justus dabei, das Gästezimmer auszuräumen und die schweren Möbel in den Dachboden und in den Keller zu stellen. – Spülmaschine, Espressomaschine und Wasserkocher können auch von Männern bedient werden. Ich habe keinerlei Einwände gegen diese neu aufkeimende Freundschaft zwischen Justus und Haushaltsgeräten.
Auf den ersten Blick könnten Außenstehende meinen, dass ich meinen Mann unterbuttern würde. Weit gefehlt! Ich setze nur das um, was ich benötige, um weiterhin in meiner Ehe glücklich sein zu können.
17.00 Uhr
Auch Justus ist glücklich. Nachdem wir das Gästezimmer wunderschön lavendelfarben ausgemalt haben, fallen wir erschöpft und gut gelaunt aufs Wohnzimmersofa. Einige Minuten später wechseln wir ins Schlafzimmer. Er ist begeistert von der neuen Unterwäsche!
21.30 Uhr
Der Tatort muss heute ohne uns auskommen. Ich habe meine Nähmaschine aus den Tiefen meines Kleiderschrankes geholt und beginne, die wunderschön geblümten Vorhangteile zu nähen.
Justus sitzt mit seiner Zeitung in seinem Lesestuhl. Ab und zu wirft er mir einen verschmitzten Blick zu und lächelt verstohlen.


