Tag 14 – Samstag, 9. Februar
Gewicht 68,5 Kilogramm
Ernährung 1 Glas Bittersalz F.-X.-Mayr-Kurstufe 4 „Trennkost“:
Roggen-Dinkel-Brötchen mit einem weichen Ei und Joghurt zum Frühstück, Tee nach Belieben
Bewegung Morgengymnastik, Spaziergang
Zeitung keine
7.00 Uhr
Das Zimmer ist dunkel, mein Geist angeknipst. Endlich!, ist mein erster Gedanke: „Endlich – heute darf ich nach Hause.“ Beinahe überrascht drehe ich mich in meinem Einzelbett auf den Rücken.
Endlich? Bin ich tatsächlich so froh, wieder nach Hause zurückkehren zu können? Wenn es nach meinem Bauchgefühl geht, ja. Endlich, denkt mein schlaftrunkener Geist. Doch als ich richtig wach bin, mischen sich weniger positive Gefühle ein. Wie wird meine Ankunft zu Hause sein?
Ich lege beide Handflächen auf meinen Bauch und atme tief ein, wie ich es in den letzten zwei Wochen hier gelernt habe. Ich fühle die Schmetterlinge im Bauch – das sind also die Millionen von Nervenzellen rund um meinen Darm. Sie sind schneller wach als mein Kopf. Da unten flattert es kräftig, unter die Aufbruchstimmung mischt sich Aufregung und Spannung.
Bittersalz trinken laut Therapieplan. Die Monotonie der letzten vierzehn Tage brachte eine angenehme, ruhige Routine in mein Leben. Das Glas zu leeren bereitet mir keine Probleme. Ich denke nicht einmal mehr darüber nach. Ich hab den Wecker auf eine halbe Stunde später gestellt, doch meine innere Uhr hat sich bereits an 6.30 Uhr gewöhnt.
8.30 Uhr
Tirol und Igls bereiten mir den schönsten aller Abschiede. Als ich endlich die Vorhänge zur Seite schiebe, erstrahlt die Nordkette in wunderschön orange-rotem Licht: Die Morgensonne bahnt sich ihren Weg ins Inntal.
Langsam erwacht das Land und ich trete das letzte Mal auf den überdachten Balkon und genieße den wundervollen Blick über den Park und das Inntal. Ich freu mich auf ein ausgiebiges Frühstück. Heute will ich mir ein weiches Ei und einen Malzkaffee gönnen, doch vorher geht’s zur Wassergymnastik.Vielleicht hebt sich dadurch meine Laune.
Doch die Übungen, die Medizinstudent Robert vormacht, bringen mich heute nicht aus der Puste. Staunend stelle ich fest, dass mein Körper stark geworden ist und dazugelernt hat. Der Rücken wird warm, der Atem geht gleichmäßig, die Oberschenkel sind stark, der Kreislauf kommt in Schwung. Na bitte, geht doch.
Nach dreißig Minuten schlurfe ich in Richtung Frühstück:
Jasmine bringt mir mein kleines Lunch-Paket, das jeder Gast für seine Heimreise bekommt: Es enthält Knäckebrot, ein Säckchen Bittersalz, Mineralwasser, Schinken. Als ich mein letztes Frühstück im Speisesaal des Parkhotels einnehme, wird mir mulmig zumute – dieser Teil einer in Gang gebrachten Metamorphose geht zu Ende. Doch wie geht es weiter?
11.30 Uhr
Mein Koffer ist gepackt, das Zimmer leer und ich habe mich wieder in meinen „Normalo-Look“ für die Zugfahrt gekleidet – nur mit dem kleinen Unterschied, dass der Bund meines Rockes weit wegsteht und die Waden echten Spielraum in den Stiefeln haben.
In zwei Stunden wird mein Zug den Bahnhof Innsbruck verlassen. Der Inn wird mich noch ein Stückchen in Richtung Norden begleiten, bis auch dieser letzte Wegbegleiter seinen eigenen Lauf nehmen wird. Wehmut und Ängstlichkeit machen sich breit. Ich habe an Gewicht verloren und eine Menge an neuen Gedanken und Eindrücken mitgenommen.
Gerade als ich einen letzten Rundgang ins Bad starten will, um zu sehen, ob ich auch wirklich nichts vergessen habe, klingelt das Zimmertelefon. Ich hebe ab und erkenne Dagmars Stimme von der Rezeption.
„Frau Heldenstein, Ihr Taxi ist da. Dürfen wir Ihr Gepäck holen?“, sie ist liebenswürdig wie immer.
„Aber, aber … es ist doch noch viel zu früh“, stammle ich ins Telefon. „Mein Zug geht doch erst in zwei Stunden. Was soll ich denn so lange auf dem Bahnhof machen?“ Doch Dagmar unterbricht mich ungewöhnlich abrupt:
„Wir schicken jemanden hoch.“
Erbost über diese schnelle und ungewöhnlich rüde Art öffne ich schwungvoll die Zimmertür, als es klopft. Mein verärgerter Gesichtsausdruck rutscht mir jedoch in den viel zu weiten Rockbund: Justus! Ich kann es kaum glauben.
„Justus, was machst du denn hier?“, stammle ich verdattert, wobei meine Stimme einen Hauch zu schrill klingt.
„Hallo Elli“, Justus bewahrt im Gegensatz zu mir Fassung. „Ich dachte, ich hole dich ab und nehme dich heute mit nach Hause.“
Ungestüm umarme ich ihn. Mmmh, wie gut er duftet, mein Justus. Lange halten wir uns in den Armen und Justus murmelt in meine Haare: „Endlich hab ich dich wieder, meine Elli. Und den weiteren Weg gehen wir gemeinsam.“
16.00 Uhr
Nach einem herzlichen Abschied von der Hoteldirektorin und dem gesamten Personal im Parkhotel in Igls verläuft die Heimfahrt mit Justus harmonisch: Immer wieder bemerke ich seinen verstohlenen Blick von der Seite. Endlich meint er anerkennend:
„Du siehst toll aus, weißt du das, mein Wollmäuschen?“ Dankbar nehme ich seine Hand und drücke sie. „Warst du nicht vor meiner Abreise der Meinung, ich solle auch nicht nur ein einziges Kilogramm abnehmen?“, erinnere ich ihn verschmitzt. Justus schmunzelt und gibt bereitwillig zu: „Ich bin offener für Veränderungen, als du vielleicht denkst.“
Justus und ich nutzen die geschenkten Stunden im Auto, um gemeinsam zu schweigen, aber auch um über die Vorkommnisse und Erkenntnisse der letzten vierzehn Tage zu sprechen. Meine Abgeklärtheit und meine innere Ruhe, die ich auszustrahlen scheine, lassen ihn nicht unbeeindruckt.
Doch auch meine Abwesenheit und mein Brief haben bei Justus dazu geführt, sich Gedanken über unsere Ehe und unser Leben zu machen. Auch wenn wir keine Details besprechen, wird mir bewusst, dass sich mit meinem veränderten Auftreten auch seine Rolle als Ehemann verändert hat. Dass er sich spontan dazu entschlossen hat, sich ins Auto zu setzen und mich in Igls abzuholen, beruhte alleine auf seinem festen Entschluss, einen neuen Weg einzuschlagen.
Ich bin zuversichtlich, dass die Spontaneität, die kleinen Aufmerksamkeiten und die liebevolle Achtsamkeit für den anderen wieder Einzug in unsere Ehe halten werden.
18.45 Uhr
Aenne empfängt uns stürmisch an der Tür: Justus hatte ihr am Morgen nur eine kleine Notiz am Küchentisch hinterlassen. „Ich fahre nach Tirol, um Mami abzuholen. Wir sind am Abend zurück.“
Meiner Tochter fällt meine körperliche Veränderung sofort auf, doch scheint ihr auch nicht zu entgehen, dass Justus und ich endlich Zeit gefunden haben, im Gespräch wieder zueinander zu finden. Sie wirkt glücklich und erinnert mich in ihrer ungestümen Art an das kleine fünfjährige Mädchen, das sie einmal war.
22.00 Uhr
Das gemeinsame Abendessen fällt an diesem Tag dürftig aus: Ich knabbere mein Knäckebrot, ein paar Scheiben Käse und trinke zwei Tassen Abendtee.
Aenne kann ich damit nicht beeindrucken: Sie kocht für Justus und sich einen großen Topf Spaghetti. Wundersamerweise verspüre ich keinerlei Lust, ihnen auch nur eine Nudel davon zu stibitzen.


