Tag 12 – Donnerstag, 7. Februar
Gewicht 69 Kilogramm
Ernährung 1 Glas Bittersalz F.-X.-Mayr-Kurstufe 4 „Trennkost“:
Hirsebrei mit Zimt und Ahornsirup zum Frühstück, Auberginencremesuppe mit Eisenkraut und mediterrane Kartoffelpizza mit Oreganoschaum zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot + 50 g Forellenaufstrich zum Abendessen,Tee nach Belieben
Bewegung 1,5 Stunden Spaziergang zum Lanser Köpfel
Zeitung Tiroler Tageszeitung, Die Zeit
6.45 Uhr
Bitterwasser trinken laut Therapieplan
7.25 Uhr
Vor meiner Balkontür fällt Schnee. Keine Lust zum Aufstehen. Ich freue mich auf zu Hause. Den Morgenspaziergang hab ich schon wieder sausen lassen. In zwei Tagen werde ich hier meinen Koffer packen und nach vierzehn Tagen in die „echte Welt“ zurückkehren. Als eine andere? Ich weiß es nicht.
Aber das Haus, das mir anfangs so groß, so unübersichtlich erschien, ist mir im Laufe der Zeit ans Herz gewachsen: mit all seinen Menschen, die sich so liebevoll um mich gekümmert haben. Mit seiner Philosophie nach Franz Xaver Mayr, den fürsorglichen Ärzten und der ganzheitlichen Sichtweise. Mit seinen strengen Regeln zu Essenszeiten, des Nichtrauchens oder der Bitterwasservorgaben. Das Haus selbst erscheint mir so liebenswürdig wie die Menschen, die hier Tag für Tag am Werk sind.
Es ist schwierig abzuschätzen, ob ich mich tatsächlich verändert habe. Äußerlich ja, immerhin hab ich bereits vier Kilo abgenommen, aber was, wenn ich nach meiner Rückkehr wieder unverändert in eingefahrene Bahnen zurückfalle? Ich fühle mich wie ein Junkie, der nach vierzehntägigem Entzug aus der Anstalt entlassen wird.Wohl wissend, wie einfach das Verzichten sich innerhalb der Hotelmauern anfühlt. Und wohl wissend, dass draußen dieselben Versuchungen lauern wie eh und je.
Angst macht sich breit. Ich habe hier im Hotel so viele Menschen und unterschiedliche Lebensentwürfe kennen gelernt. Habe mich vollgesaugt mit Ideen, Möglichkeiten und Plänen. Doch mit dem nötigen Abstand von zu Hause ist leicht reden. Was aber, wenn ich es nicht schaffe, meine Ideen in die Realität umzusetzen?
Wenn ich weitermache wie bisher – unglücklich und viel zu viel esse, Schokolade und Süßes weiterhin als Belohnungssystem nach einem stressigen Arbeitstag oder einem unbefriedigenden Gespräch mit Justus einsetze. Binnen kürzester Zeit schon wieder den Kurerfolg null und nichtig mache, in die Jojo-Falle tappe und noch mehr zunehme.
Der Brief an Justus fällt mir ein. Vielleicht hat er ihn bereits gestern Abend gelesen oder er trifft heute ein und er wird ihn nach der Arbeit lesen. Erleichtert atme ich tief aus – froh über die Entscheidung, den Brief tatsächlich abgeschickt zu haben. Er sollte es mir leichter machen, meinen Willen durchzusetzen, von Anfang an klarzumachen, dass aus der pummeligen, hausbackenen Elli wieder Elisabeth geworden ist: die – immer noch – junge und gut aussehende Frau mit zwei erwachsenen Kindern und einem wiedergefundenen Sinn im Leben.
Der Sinn in meinem Leben? Ja, was war doch gleich noch der Sinn in meinem zukünftigen Leben? Hoffentlich hat Justus den Brief nicht gleich in den Abfalleimer geworfen. (Ich muss ihn nach meiner Ankunft zu Hause unbedingt kopieren.)
Also der Sinn in meinem zukünftigen Leben? Ach ja, ein eigenes Zimmer, mehr Zeit für mich und das Malen und Entwerfen von Strickmustern.
Mehr Bewegung in mein Leben bringen, mich gesünder ernähren. Regelmäßige Ausflüge in die Berge und vielseitigere kulturelle Unternehmungen. Ist das genug für einen „Sinn im Leben“? Ach ja, eine Haushälterin werde ich mir ebenfalls anschaffen. Ich habe es satt, den Dreck meiner Familie wegzuputzen. Justus hat sich bisher immer gegen eine Zugehfrau gesträubt. Am Anfang unserer Ehe war ich erst mit Simon und dann mit beiden Kindern zu Hause – gerne sogar. Da ging es mir leicht von der Hand, die Kinder zu erziehen und nebenbei noch den Haushalt zu schmeißen.
Doch nun soll alles anders werden.
12.30 Uhr
Sogar mein vorletzter Kurtag lässt sich noch stressig an: Um 8 Uhr steht die ärztliche Untersuchung durch Chefarzt Dr. Winkler auf meinem Therapieplan, um 9.10 Uhr geht’s zur Bioimpedanzmessung, die zeigen soll, wie sich Muskeln, Fett und Wasser während der letzten dreizehn Tage verändert haben.
Um 10 Uhr meine vorletzte Massage bei Christine W. und dann geht’s ab in den Kosmetiksalon „Kosmetik im Parkhotel“. Ich gönne mir eine unglaublich entspannende und aufbauende Anti-Aging-Gesichtsbehandlung.
Davor aber frage ich an der Rezeption nach „Eisbein“.
Dagmar, die liebenswürdige Rezeptionistin, sieht mich fragend an: „Ein Herr, sagen Sie? Groß, dunkles Haar, rheinländischer Akzent, zirka fünfzig Jahre alt, etwas eigenartiger Humor?“ Ich nicke, den Spitznamen „Eisbein“ kann ich ihr ja schlecht sagen.
Dagmar überlegt, blickt mich jedoch weiterhin fragend an: „Es tut mir leid, wir haben zurzeit keinen Gast, der auf Ihre Beschreibung zutreffen könnte, Frau Heldenstein.“ Ich gucke verdutzt zurück. Kein „Eisbein“? Ich hab das ja wohl alles nicht geträumt. Ich bedanke mich bei der ratlosen Dagmar und eile in Bademantel und Hotelpuschen in den Speisesaal.
Ich habe Glück: Die nette Jasmine deckt gerade die Tische für das Mittagsmahl. „Jasmine, Sie müssen mir helfen“, stürze ich auf sie zu. „Wer war denn der Gast, der die letzten Tage hier war. Ein großer, etwa fünfzigjähriger Mann, dunkles Haar, kräftige Statur. Ich glaube, Sie haben ihn am Samstag begrüßt“, erkläre ich ihr hektisch.
Jasmine dreht sich zu mir um, schüttelt aber den Kopf: „Ja, Frau Heldenstein. Ich weiß nicht, wen Sie meinen. Ihre Beschreibung erinnert mich zwar an einen Gast, der jahrelang zu uns gekommen ist. Der aber, soweit ich weiß, schon mehr als drei Jahre nicht mehr hier war. Momentan wüsste ich nicht, auf wen die Beschreibung zutreffen könnte.“
Fassungslos sehe ich ihr zu, wie sie seelenruhig Servietten faltet und Gabeln und Messer aneinanderreiht. „Ja, danke, Jasmine“, murmle ich in den weiten Kragen des Bademantels. „Dann hab ich mich wohl geirrt.“
Traurig begebe ich mich in die Kosmetikoase des Parkhotels. War Eisbein eine reine Einbildung? Alles, was von ihm geblieben war, waren seine Weisheiten und dummen Sprüche. „So dumm waren die gar nicht“, brumme ich in meine revitalisierende Feuchtigkeitsmaske.
16.00 Uhr
Nach der erheiternden Kartoffelpizza zum Mittagessen entschließe ich mich zu einem letzten Spaziergang übers Igler Plateau. Der Plan geht auf, das Wetter lockt mich nach oben und ich erklimme das Lanser Köpfel. Die Stille des Waldes umhüllt mich ganz und gar. Ich begegne keiner Menschenseele und kann in Ruhe meinen Gedanken nachhängen.
„Eisbein“ war eine glatte Erfindung? Dieser Gedanke erscheint mir unglaublich. Alles nur Einbildung oder eine schlechte Phantasie? Immerhin braucht man ab und zu einen kleinen Boten, der einem wieder hilft, auf den rechten Weg zu gelangen. War „Eisbein“ gar ein Engel?
Oben auf dem Lanser Köpfel angekommen, stelle ich erstaunt fest, wie leicht mir der Anstieg gefallen ist: Ich bin nicht aus der Puste! Die regelmäßige Bewegung im Parkhotel hat sich bezahlt gemacht – ich fühle mich fit und stark. Die Kilos, die ich tatsächlich abgenommen habe, machen sich bemerkbar. Von Schwäche keine Spur! Morgen werde ich erfahren, in welchen Ausmaßen sich mein Körper tatsächlich verändert hat.
18.00 Uhr
Eine SMS von Justus: „Danke für den Brief. Ich werde drüber nachdenken. Dein Justus.“
Was heißt hier, er wird drüber nachdenken? Was gibt’s da drüber nachzudenken? Justus’ SMS schüchtert mich ein. Am liebsten würde ich mich in mein Bett vergraben. Dann piepst es noch einmal. Aenne schreibt: „Oh Gott, was hast du gemacht? Papi sitzt im Wohnzimmer und heult. Kommst du nicht zurück? Aenne.“
Mir dreht sich der Magen um: Justus heult? Ich komme nicht zurück? Doch, natürlich komme ich zurück. Hastig wähle ich Aennes Nummer, sie meldet sich in Sekundenschnelle.
„Aenne, was ist bloß los?“, flüstere ich atemlos ins Telefon.
„Was los ist? Ja, du bist gut. Was ist denn bei dir los? Was hast du nur gemacht? Kommst du nicht zurück?“, Aenne klingt hektisch und angespannt.
„Natürlich komme ich zurück.Was soll denn das ganze Theater? Ich hab Justus einen Brief geschrieben, so wie wir es am Telefon besprochen hatten“, versuche ich mich im Erklären. „Ich habe ihm nur meine Pläne mitgeteilt. Und da war nichts dabei, worüber er heulen müsste.“
Ich seufze. Aenne hat auch keine Lösung parat. „Na ja, ich werde ihn mal trösten gehen“, stammelt sie ins Telefon. „Darf ich fragen, wie deine Pläne aussehen?“
Ich räuspere mich: „Ich werde mir das Gästezimmer als Arbeitszimmer einrichten, ich will wieder mit dem Malen beginnen und ich werde einfach mehr Schwung in mein Leben bringen. Tja, das ist eigentlich alles.“
„Na ja, zum Heulen ist das wirklich nicht“, bestätigt mir Aenne. „Trotzdem werde ich mal mit Papi reden. Vielleicht melde ich mich später noch einmal bei dir.“
Wir legen auf – Aenne scheinbar erleichtert, ich zerknirscht. So hatte ich mir die Wirkung des Briefes nicht vorgestellt. Hilfe, übermorgen muss ich nach Hause! Zu einem Ehemann, der nachdenken muss und heult.
21.00 Uhr
Obwohl es mir schwerfällt, mich nach diesem Telefonat mit meiner Tochter zu konzentrieren, beschließe ich, Dr. Kogelnigs Vortrag zum Thema „Raus aus der Jojo-Falle“ anzuhören. Diesmal ist der kleine Vortragsraum gut gefüllt: Kein Wunder, das Thema „Gewicht halten“ scheint mindestens genauso spannend zu sein wie das Thema „Gewicht abnehmen“.
Dr. Kogelnigs Vortrag ist fantastisch. Er eröffnet ihn mit dem Satz: „Übergewicht ist kein unveränderlicher Fehler im Rahmen des Fastenschicksals. Das Geheimnis des Könnens liegt im Wollen.“
Wir hören, dass es mehrere Stufen gibt, um in die Jojo-Falle zu tappen:
Der erste Fehler wird auf Stufe 1 begangen, wenn zu schnell und zu streng gefastet wird. Dr. Kogelnig empfiehlt die „Gourmet-Diät“, wie ich sie hier im Parkhotel kennen gelernt habe. Für eine langsame und gesunde Gewichtsreduktion reicht es, die tägliche KalorienzufUhr auf 600 bis 1.800 kcal zu reduzieren und nur in Ausnahmefällen sollte es noch weniger sein.
Zudem sollte die Diät ein Mindestmaß an Eiweiß umfassen, nämlich 0,5 bis 1 Gramm pro Kilogramm. Bei meinem Gewicht wären das momentan rund 50 Gramm täglich.
Wer Gewicht verloren hat, sollte sich der vielen kleinen Jojo-Fallen auf Stufe 2 gewahr werden: Dr. Kogelnig empfiehlt viel Bewegung (mindestens jedoch 30 Minuten täglich), insgesamt gesünderes Essen, das Sättigungsgefühl zu beachten und in die kreative Ruhe einzukehren.
Kohlenhydrate sollten auf ein Minimum reduziert werden, wohingegen man lieber zu Eiweiß greifen sollte. Er empfiehlt einmal proWoche „Dinner Cancelling“ und das Dessert sollte man sich am besten einfach immer teilen.
Mein Kopf speichert die vielen Empfehlungen und Ratschläge. Hastig notiere ich alles in einem kleinen Büchlein. Ja, vielleicht kann es so wirklich funktionieren.
22.00 Uhr
Eine SMS von Aenne: „Papi ist wieder okay. Er hat Nudeln gekocht und wir haben gemeinsam gegessen. Er freut sich auf dich und hat angedeutet, ebenfalls Pläne zu haben.“
Mein Highlight des Tages
Rundblick vom Lanser Köpfel
Meine Fatenerkenntnis
Das Geheimnis des Könnens liegt imWollen.
Mein Ziel für zu Hause
Nicht in die Jojo-Falle zu tappen.


