Tag 11 – Mittwoch, 6. Februar

Gewicht 69,1 Kilogramm
Ernährung 1 Glas Bittersalz F.-X.-Mayr-Kurstufe 4 „Trennkost“:
1 Roggen-Dinkel-Brötchen + 200 ml Joghurt + 50 g Tiroler Alpenschnittkäse zum Frühstück, 1 Tasse Gemüsebrühe, Erbsenschotensuppe mit Vanille, Spieß von Papageienfisch und Riesengarnelen mit kleinen Romanescoröschen, dazu Basenschaum mit Bohnenkraut zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot + 50 g Forellenaufstrich zum Abendessen,Tee nach Belieben
Bewegung 1⁄2 Stunde Morgengymnastik, 1 Stunde Hatha-Yoga
Zeitung Süddeutsche Zeitung

6.45 Uhr

Bitterwasser trinken laut Therapieplan

9.30 Uhr

Zu „Tanze mit mir in den Morgen“ weckt Hanni im Fitnessraum pünktlich um acht Uhr morgens unseren Kreislauf aus dem Tiefschlaf. Schwungvoll begrüßt uns die nette Vorarlbergerin. Durch die Tür trudeln langsam und in schlurfenden Schritten die Kurgäste. Puh, so viel Power sollte eigentlich ansteckend sein. Noch bevor ich registriere, wer da neben mir auf der Matte von den Zehen auf die Fersen wippt und wieder zurück, tönt es schon lautstark: „Guten Morgen, Frau Heldenstein. Na, gut geschlafen? Sind Sie fit für ein Tänzchen?“

Ich zögere – nicht schon wieder dieser Mann mit seinem Geschwätz! Ich überlege kurz und tue, als ob ich nichts gehört hätte. „Frau Heldenstein, geht es Ihnen nicht gut?“, hakt der Typ in schwarzer Trainingshose und Ringelshirt nach. Doch die Musik ist laut und liefert mir damit die ideale Ausrede, einfach nicht zu reagieren.
„Frau Heldenstein?“, nun tippt er mir doch glatt auf die Schulter.

Entrüstet wende ich den Kopf um und sehe „Eisbein“ direkt in das Gesicht. „Lassen Sie mich in Ruhe“, zische ich. „Ich möchte einfach nur in Ruhe gelassen werden. Ich bin hier zur Morgengymnastik und nicht, um mir von Ihnen die gute Laune verderben zu lassen. Außerdem möchte ich weder ein Tänzchen mit Ihnen wagen noch einen Kommentar zu meiner Ehe hören. Haben Sie mich verstanden?“
Erregt sehe ich mich um. Doch keiner im Raum scheint die Konversation mitverfolgt zu haben.

Was war das denn? Die sonst so friedliebende Elli Heldenstein kann ja richtig Dampf machen. Mein Magen entspannt sich, mein verkniffener Mund wird weich, meine Rückenmuskulatur strafft sich. So geht’s also auch. „So gefallen Sie mir schon besser“, kommt es da zurück. „In dem Moment, wo Sie ganz und gar Sie selber sind und nicht mehr immer nur allen anderen gefallen wollen, werden Sie richtig begehrenswert.“

Er dreht sich auf dem Absatz um und wendet sich der Tür zu. Kaum habe ich begriffen, was er da schon wieder von sich gegeben hat, hat eine andere Dame die Matte neben mir in Besitz genommen.

„Guten Morgen“, begrüßt sie mich freundlich. „Guten Morgen“, antworte ich verwirrt und starre sie an. Doch nicht lange, denn Hanni legt los. Zu wunderbar altmodischen Schlagermelodien schwingen wir Arme und Beine, dehnen uns nach vorne, beugen uns nach unten, marschieren auf dem Stand. Dann drückt sie uns alle lange Stöcke in die Hände und schon geht’s los.

Schade, dass Hanni die Stöcke nicht früher zur Hand hatte: Ich wüsste nur zu gut, wem ich meinen Stock über die Rübe ziehen würde. Welche Unverschämtheiten erlaubt sich der Kerl eigentlich? Wütend stapfe ich auf der Stelle, der Stock wirbelt um meine Taille. Wutentbrannt schiebe ich den Stock zu beiden Seiten und wippe auf den Fußballen hinterher.

Übermut tut selten gut und zu viel Schwung kann die Morgengymnastik vorzeitig beenden. Der Stock entgleitet meinen schweißnassen Händen und ich schleudere ihn in voller Drehung in Richtung Hanni. Die sieht das Unglück kommen, hopst mit Entsetzen zur Seite und schon donnert der Stock auf die Stereoanlage. „Tanze mit mir in den Morgen“ macht noch einen falschen Hickser und erstickt in einem furchtbaren Knall.

Schreckgeweitete Augen starren mich an. Ich zähle noch einmal ruhig nach. Sieben Paar Augen sind es. Ich sehe Hanni an, sie blickt zurück. Ihr Blick – erstaunt, überrascht, nervös, wohlwollend – verrät nicht, was sie gerade über mich denkt. Keiner der Blicke verrät, was in den Köpfen meiner Turnpartner gerade vorgeht. Ich presse die Lippen aufeinander und sehe, wie meine Zehen sich verlegen über- und untereinander verstecken. Meine Finger verkrampfen sich hinter meinem Rücken.

„Tja, ich muss dann mal los“, sage ich fest und hebe meinen Kopf. Ich schreite durch den Raum in Richtung Tür und jeder meiner Schritte wird penibel verfolgt. Ich lege die rechte Hand auf die Messingtürklinke und wende mich noch einmal um.
„Es tut mir leid“, murmle ich. „Aber man darf und muss sich nicht immer gefallen, wissen Sie.“ Ich lasse einen Blick durch den Raum schweifen und schließe die Tür sanft und geräuschlos hinter mir.

9.00 Uhr

Erschöpft frage ich beim Frühstück die adrette Lissy im Dirndlkleid nach einem Beruhigungstee. Erst schüttelt sie den Kopf: „Sie wissen doch, dass Sie zu den Mahlzeiten nichts trinken sollen, Frau Heldenstein.“ Doch sie deutet meinen flehenden Blick richtig und bringt mir eine Kanne.

„Na, da schau’n S’ her, Frau Heldenstein“, sagt sie emsig. „Was kann denn schon so Schlimmes passieren, dass das nicht eine gute Tasse Tee wieder ins Lot bringen könnte. War etwa die Morgengymnastik so fordernd? Geh, jetzt haben S’ doch schon so schön abgenommen. Freuen Sie sich doch über diesen wunderbaren Tag.“

Dankbar lächle ich sie an. Ja, vielleicht hat sie Recht. Vielleicht ist es ein wunderbarer Tag. Es ist ein Tag, der vielleicht schon lange eintreten hätte sollen. Elli Heldenstein hat mit Worten und Taten um sich geschleudert. Hat sich zur Wehr gesetzt, Grenzen gezogen. Eigentlich war es gar nicht so schwer, denke ich überraschend fröhlich. Es muss mir nur ein Scheusal wie „Eisbein“ begegnen und schon kann ich eine Wildheit und Entschlossenheit an den Tag legen, von der ich nicht einmal gedacht hätte, dass ich sie besitzen würde. Ein bisschen stolz kaue ich auf mei nem Brötchen herum, süffle Milch und nasche an dem köstliche Käse.Was für ein wundervollerTag.

10.00 Uhr

Am Vormittag entdeckt Josef meine Triggerpunkte. Er scheint von allen Masseuren zum ersten Mal genau jene Stelle zwischen meinen Schulterblättern entdeckt zu haben, die am allermeisten unter meinen Strickeskapaden zu leiden hat. Ich stöhne ins Kissen. Blockaden lösen sich auf und ähnlich einem Gebirgsbach fließt plötzlich wieder ganz viel Energie über den Nacken in den Kopf. Meine Augenlider klappen zu (das war wohl der Sehnerv) und in meinen Ohren beginnt es kräftig zu rauschen.

Nachdem ich mir meinen Bademantel wieder übergestreift habe, strahle ich Josef glücklich und dankbar an. Der aber rät mir dringend zu Muskel- und Krafttraining: „Meist ist der verspannte Nacken- und Schulterbereich nur ein Spiegelbild der insgesamt schwachen Muskulatur des Körpers.“ Na, herzlichen Dank.

12.00 Uhr

Die köstliche Erbsenschotensuppe mit Vanille und der feine Spieß mit Papageienfisch und Riesengarnelen vertreiben Kummer und Sorgen. „Die Preußen schießen scharf“, zwinkerte mir ein Mann im Speisesaal zu, der am Morgen meinen peinlichen Ausfall samt Schlagstock miterlebt hatte. Ich zwinkere zurück und murmle: „Denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Jeder Löffel sämig-samtiger Suppe ist ein echter Hochgenuss. Das Kauen hat sich verändert: während das Roggen-Dinkel-Brötchen sich ganz leicht einspeicheln lässt, bedürfen die Riesengarnelen eines ausgiebigen Zermalmens. Aber ich merke, die Übung hat sich gelohnt.

Wie wird wohl Justus darauf reagieren, wenn ich ihm zweimal täglich scheinbar wiederkäuend gegenübersitze? Wir sind – pardon, waren – beide regelrechte Schnellesser. Wie sehr bewundere ich Menschen, die trotz Riesenhunger kleine Häppchen minutenlang kauen und einspeicheln.

„Eisbein“ fällt mir ein – zum Glück taucht er nirgendwo im Speisesaal auf.

15.00 Uhr

Oh, ich fühle mich tatsächlich wie Cleopatra: Samtig königlich hat Daniela meinen inzwischen Wellness-erfahrenen Leib auf ein weiches und mit Ziegen- und Stuten- milch, Lein-, Sesam-, Jojobaöl und Aloe Vera getränktes Vlies gebettet.

Auch meine Körpervorderseite wird mit einem vor Feuchtigkeit und duftenden Zusätzen schweren Vlies bedeckt. Danach träufelt Daniela das warme Gemisch über die weichen Stoffe und direkt über meinen Körper. Mmmh, ein Traum von Glück, dieser Cleopatrawickel. In weiter Ferne höre ich die Esel wiehern und die Palastwachen ihre Botschaften verkünden. Ein Schäferstündchen mit eselsmilchweicher Haut.

Die schweren orientalischen Blütendüfte und der Geruch des Jojobaöls tragen mich weit weg: in ein Land ohne Cellulite, ohne Eheprobleme, ohne Stricknadeln und Schwunggymnastik. In ein Land, wo das Leben völlig schwerelos und frei ist. Dieser Cleopatrawickel ist das Beste, das mir seit Langem widerfahren ist.

17.00 Uhr

Ich wage es und versuche mich zum ersten Mal in meinem Leben in Yoga. Im Hinblick auf meine unglaublich bewegliche Tochter Aenne war ich bisher davon ausgegangen, dass Yoga nur was für junge und schlanke Frauen ist.

Aber nun weiß ich: das kann ich auch. Zu Beginn steigen wir mit leichten Atemübungen ein. Ich darf alles ausatmen, was mich belastet. Ich atme „Eisbein“, die Unzufriedenheit und die Scham von heute Morgen weg. Beim Einatmen hole ich mir frische, unverbrauchte Energie.

Die tiefe Atmung erdet mich auf der Matte, mein Becken wird warm, meine Lunge weit – und plötzlich zaubert sich ganz von alleine ein Lächeln in mein Gesicht. Danach folgen die Asanas: die Kobra, der Berg, der Hund. Ganz langsam und völlig ohne Stress. Ich lerne, dass es nicht darum geht, besonders schnell und besonders ehrgeizig zu trainieren. Sondern alleine darum, den Platz im eigenen Körper wieder einzunehmen.

Ihn mit jeder Zelle zu spüren und alle Organe optimal mit Sauerstoff zu versor- gen. Schon während der Stunde verspüre ich ungeheuren Spaß an der Sache. Ich fühle mich gut, die Glückshormone sprudeln. Yoga wirkt schneller als ein Glas Prosecco und als ich nach fünfzig Minuten aus dem Fitnessraum gehe, scheine ich zu schweben.

Befreit und glücklich gehe ich schnellen Schrittes den Gang zu meinem Zimmer entlang. Ich bemerke meinen eigenen Schatten an den Spiegeln vorbeihuschen und halte inne. Drehe mich um, betrachte mich eingehend in einem Spiegel und denke: „Eine junge, schlanke Frau.“

20.30 Uhr

Ich fühle mich schwach und kraftlos. Liegt es an der Morgengymnastik oder am Yoga? Ich habe das Gefühl, dass mich alle Kräfte verlassen haben. Ich drehe eine kleine Runde ums Viller Moor und wandere in den Ort. Wunderbar verzierte, alte Bauernhäuser bilden einen ursprünglichen Tiroler Kern rund um die Pfarrkirche, ein überdimensional großes Kreuz aus Maiskolben ziert eine Häuserfassade.

An der Wand des Nachbarhauses lacht Andreas Hofer von einem hölzernen Bild.
Abends ist die Pfarrkirche von Igls gut gefüllt. Es ist Aschermittwoch und ich nehme die Ruhe und Besinnlichkeit in der Kirche intensiv wahr. Als Kind bekamen wir immer das Aschekreuz auf die Stirn gemalt, auch mit Simon und Aenne habe ich lange dieses Ritual beibehalten. An diesem Abend trage ich es stolz zur Schau. Der Pfarrer hat den versammelten Menschen eine kleine Anweisung für die Fastenzeit mitgegeben:

„Lebe! Nutze diese Zeit, um intensiv zu leben. Dein Leben dankbar zu erfassen und es mit allen Sinnen zu erleben.“ Diese Worte berühren mich zutiefst. Ja, ich sollte dankbar sein. Für alles, was ich habe und was ich im Moment gerade erhalte. Dankbar nehme ich das Geschenk Fasten an.

Gestern noch dachte ich, dass Justus mir mein Herz gebrochen hätte. Nun weiß ich: Ich allein war drauf und dran, mein Herz mehr und mehr zu belasten. Justus käme es niemals in den Sinn, mein Herz mutwillig zu brechen. Die kleinen Splitter, die ich ab und zu spüre, kommen daher, dass ich anstatt Dankbarkeit viel zu oft nur Unzufriedenheit spüre.

22.00 Uhr

Ein Buch aus der Hotelbibliothek dient mir als Abendlektüre. Darin entdecke ich ein Zitat: „Es gehört mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.“ Ich weiß nun bestimmt, dass ich Justus nicht verlassen will. Ihn nicht verlassen muss, um glücklich zu werden. Glücklich werde ich, indem ich mich selber finde, meine Bedürfnisse achte, dankbar bin, was ich habe und nicht immer gefallen will. Dazu gehört definitiv immer wieder frisches Wasser für den Brunnen.

Ich seufze gottergeben: „Eisbein“ hatte Recht. Allein der Kirchgang hat mich erquickt wie frisches Wasser. Ich werde mich wohl bedanken müssen. Aber morgen!

Mein Highlight des Tages
Die Cleopatra-Anwendung mit Ziegen- und Stutenmilch

Meine Fastenerknenntnis
Ich muss nicht immer gefallen.

Mein Ziel für zu Hause
Die Fastenzeit als Zeit des Innehaltens und Verzichts zu nutzen.